"if you can't beat them in the alley, you can't beat them on the Ice" - (Conn Smythe) Aus dem Poesiealbum der Broad Street Bullies, der deutschen Nationalmannschaft gewidmet!

Montag, 2. Juli 2012

Stadionalbum Teil 20: Europameisterschaftsfinalorte

Leider fehlt das Heysel-Stadion von Brüssel, wo Deutschland 1972 den ersten von drei EM-Titeln holte. Ich arbeite daran, diesem Mißstand abzuhelfen. Die einzigen Karten von Heysel, die ich auf dem Markt gefunden habe, zeigen die Haupttribüne von hinten, ich ziehe eine Ansicht von vorne vor.

Paris, Prinzenpark, 1960 und 1984. Die Abbildung zeigt den Bauzustand nach dem umfassenden Umbau 1972. Zuvor hatte das Stadion noch eine Radrennbahn enthalten, auch zum Zeitpunkt des Finals 1960.
Madrid, Bernabeu, 1964. Vor diversen Umbauten, u.a. zur WM 1982, sah das Stadion von Real so aus und erlebte den ersten Titelgewinn der Spanier.
Rom, Olympico, 1968 und 1980. Hier fanden zwar nur zwei Endrundenturniere statt, aber drei Finals. 1968 wurde das nach 120 Minuten Unentschieden stehende Finale zwischen den Gastgebern und Yugoslawien durch ein Wiederholungsspiel (zu dem Italien mit auf fünf Positionen veränderter Mannschaft antrat!) entschieden. 1980 siegte Deutschland hier, bei der dritten Finalteilnahme hintereinander.
Belgrad, Roter Stern Stadion, auch "Maracana" genannt, 1976. Hier jagte Hoeneß den Ball in den Nachthimmel, wodurch die Tschechoslowakei den Titel holte.
München, Olympiastadion, 1988. Hier fiel das Jahrhunderttor durch den großen Marco Van Basten, die Holländer gewannen ihren einzigen Titel, gegen die UdSSR. Auf der Trainerbank saß, wie schon 14 Jahre zuvor, beim vergeblichen Anrennen gegen Beckenbauer, Maier und Co. an gleicher Stelle, Rinus Michels, der somit eine späte Genugtuung erfuhr.
Göteborg, Ullevi, 1992. Finale mal wieder mit deutscher Beteiligung aber ohne Happy-End. Wie schon 1958, als Schweden kein gutes Pflaster war, Deutschland von den fanatischen schwedischen Fans verunsichert, im Halbfinale der WM gescheitert war.
London, Wembley, 1996. Waren das noch Zeiten, als Waldemar Hartmann noch journalistisch tätig war, täglich aus dem deutschen Quartier "Motram Hall" berichtete und eine auf dem Zahnfleisch kriechende deutsche Mannschaft um Kapitän Klinsmann und Anführer Sammer Berti Vogts seinen einzigen Titel als Nationaltrainer bescherte. Zum dritten Mal wurde die EM durch Deutschland gewonnen, jedesmal hatte unser Team einen zweifachen Torschützen, anders können wir wohl nicht Europameister werden.
Rotterdam, de Kuip, 2000. Erstmals wurde die EM in zwei Ländern ausgetragen, hier in diesem Hexenkessel holte Frankreich seinen zweiten EM-Titel zwei Jahre nach dem WM-Triumpf.
Lissabon, Stadio de Luz, 2004. So wie hier abgebildet sah das Stadion nicht mehr aus, als die Griechen sich ihren Sensationstitel holten. Ihr Spielstil war häßlich, was von den Stadionneubauten des letzten Jahrzehntes zu halten ist, scheint dagegen nicht so eindeutig zu beantworten zu sein. Komfort und Annehmlichkeiten sprechen sicher für die neuen Stadien, die meist anzutreffende Komplettüberdachung dagegen macht Stadien heute oft verwechsel- und austauschbar, für Luftbilder praktisch untauglich. Zum Glück mußten durch den Umbau nicht mehr knapp 100.000 sondern nur noch etwas mehr als die Hälfte mitansehen, wie sich Figo, Deco, Rui Costa und Christiano Ronaldo vergebens in der 22-beinigen Hintermannschaft der Griechen aufrieben und vergebens anrannten.
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 2008. Erneut ein Turnier in zwei Ländern, das scheint Schule zu machen, wohl auch, da neben England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich kein weiteres europäisches Land über eine Infrastruktur verfügt, um das Turnier alleine auszutragen. In diesem Stadion taten sich die Deutschen schwer, gegen Spanien auch nur einen Angriff auszuspielen, so daß die Iberer ihren zweiten EM-Titel holten, der beste deutsche Spieler stand im Tor, obwohl er beim einzigen Treffer, der durch Fehler von Lahm entstand, auch nicht gut aussah.
Kiew, Nationalstadion oder auch Olympiastadion genannt, 2012. Auch diese Arena sieht heute längst nicht mehr so aus, ist hier aber wenigstens noch zu erkennen. Die Laufbahn überstand den Umbau, die Kapazität wurde um fast 20.000 reduziert und ein Dach, das von oben nichts von den Rängen erkennen läßt, sind, wie vielerorts, aktueller Stand der Dinge. Spanien holte sich hier EM-Titel Nummer drei.

Sonntag, 1. Juli 2012

Letzter Versuch eines EURO-Tagebuchs 13:

Für mich und meine durchschnittlich vier Leser hier noch einmal mein Senf zur Europameisterschaft:
Spanien ist hochverdient Meister geworden. Wer nach vorher durchwachsenen aber siegreichen Spielen gerade im Endspiel so eine starke Leistung zeigt und sein Spiel durchzieht, der ist dann doch über jeden Zweifel erhaben. Geschenkt, daß die letzten zwei Tore in Überzahl fielen. Andererseits wurde den Spaniern ein klarer Handelfmeter früh in der zweiten Halbzeit verweigert, der bei numerischer Gleichheit womöglich schon nach 50 Minuten den moralischen Zusammenbruch der Italiener gebracht hätte.
Die Spanier zeigten mit einer Topleistung im wichtigsten Spiel nochmal schmerzlich auf, was der deutschen Mannschaft fehlt: Die Siegermentalität. Ein Gegentreffer in sechs Spielen gegenüber sechs Gegentoren in fünf Partien der Deutschen spricht ebenfalls Bände.
Das Fazit für das DFB-Team könnte also in Anlehnung an den US-Amerikanischen Sport lauten: "wait 'till next year". Sollte es aber nicht. Nur warten, weil unsere tolle Mannschaft durch zwei weitere Jahre die Reife für einen Turniersieg schon bekommen wird, wäre nicht ausreichend. Es muß vielmehr genau untersucht werden, wie eine Entwicklung, nicht zuletzt mental, gefördert werden kann, unter Umständen auch mit einer kritischen Hinterfragung, welche Spielertypen die Mannschaft braucht. Neben der Forderung an den Bundestrainer, nach Leistung aufzustellen, fehlt meines Erachtens vor allem ein Stürmer, der in der Lage ist, in jeder Geschwindigkeit Anspiele anzunehmen und zu verarbeiten, der beweglich und technisch versiert genug ist. Und Özil sollte die kommenden zwei Jahre mit intensivem Schußtraining zubringen.
Um die Mannschaft aktiv weiterzuentwickeln braucht Löw vor allem Mut. Den Mut, auf Spieler zu verzichten, egal, um wen es sich handelt, die der Mannschaft so offensichtlich nicht weiterhelfen (Schweinsteiger, Podolski, Gomez) und den Mut, gegen jeden das eigene Spiel beizubehalten.
Das Endspiel hat noch einmal gezeigt, wie unnötig die deutsche Niederlage im Halbfinale war, da die Italiener nicht so stark waren. Im Grunde standen sie vor allem im Finale, weil die Deutschen mit der falschen Einstellung ins Spiel gegangen waren und sich in entscheidenden Situationen vorne wie hinten naiv verhielten.
Natürlich wäre die deutsche Mannschaft gegen Spanien im Finale auch (wieder) chancenlos gewesen, aber das wäre wenigstens eine Wahrung des Status Quo gewesen, das Scheitern im Halbfinale gegen diese Italiener war ein Rückschritt.
Und wenn Deutschland schon mit einem oder zwei Vereinsblöcken antritt, dann bitte in Zukunft nur, wenn diese Spieler ihre Vereinsmentalität ("mir san mir") zu Hause lassen. Viel zu selten haben die Spieler des FCB ihrer Haltung, dem selbst postulierten angeblichen Sieger-Gen, in letzter Zeit Taten folgen lassen. Auch im CL-Finale, wo der alte Trainer nach der späten Führung sogleich, wie man es aus der grauen Vorzeit des Fußballs kennt, einen baumlangen Vorstopper einwechselt, damit der die Führung verteidigen hilft. Was passiert? Der nächste Eckball für Chelsea, deren einziger Torgefährlicher Spieler köpft den Ausgleich, vom eingewechselten Vorstopper weit und breit nichts zu sehen. Die Bayernspieler können ja gerne im Verein damit zufrieden sein, die Besten zu sein, gewinnen tun dann halt die anderen, aber für unser Nationalteam reicht das nicht.

Freitag, 29. Juni 2012

Versuch eines EURO-Tagebuchs 12:

Was war denn das Gestern? Balotelli trifft, und wie! Deutschland scheitert, allerdings wohlgemerkt an sich selbst und nicht an irgendeinem Fluch.
Gerade hatte ich noch erklärt, daß es in grauer Vorzeit in der deutschen Mannschaft die Rolle des Sonderbewachers im Mittelfeld gab (verkörpert durch Matthäus, Rolff, Briegel, Buchwald in erster Linie), da führt Löw diese Rolle wieder ein. Nach vier erfolgreichen Spielen wird auf einmal die vorher durchgehaltene Grundordnung verändert, die Aufstellung und Ordnung dem Gegner angepasst. Mutmasslich hätte es gereicht, so wie immer zu stehen und zu spielen. Wenn die Grundordnung stimmt, dann kann doch eigentlich nicht viel passieren, wenn Pirlo seine 30-50 Meter-Pässe aus der eigenen Hälfte heraus spielt. Ein Gegner, der es mit langen Bällen versucht ist doch grundsätzlich gut zu verteidigen. Erklären kann Löw seine Maßnahme, berechtigt war sie m.E. nicht. Ganz zu schweigen vom Einsatz von Podolski, vor dem ich ja immer wieder gewarnt hatte. Nichts hatte darauf hingedeutet, daß Podolski etwas zu einem Erfolg beitragen würde. Gomez hat auch nur unglücklich ausgesehen und erneut gezeigt, daß er nicht aus eigener Kraft Chancen generiert, er kann nur verwandeln. Dazu muß man aber die Spielweise an ihn anpassen, nicht ihn aufstellen, in der Erwartung, daß er zur Spielweise - die im übrigen auch gar nicht erkennbar war - passt.
Die Deutschen mußten zwei Totalausfälle verkraften und waren zu keinem Zeitpunkt des Spieles präsent, kamen nicht gut in die Zweikämpfe, vorne fehlten Tempo und vor allem Präzision.
Wie ist diese fehlende Präsenz zu erklären? War die Pause von fast einer Woche zu lang? Die Mannschaft wirkte vom Anpfiff weg nicht vorbereitet, planlos wie lange nicht mehr. Mir fällt auf, daß sich eine gewisse Selbstzufriedenheit breit zu machen scheint. Die am häfigsten gehörten Sätze dieser Tage waren "Wir haben tolle Spieler", "Wir können stolz auf diese Mannschaft sein" und "Wir spielen einen tollen Fußball". Erinnert mich an die Holländer - außer bei dieser EM, nach drei Niederlagen vergeht selbst denen der Stolz.
Seit spätestens 2006 hat sich der Fußball zu einem Event und weg vom Sportwettkampf entwickelt. Die Stadien sind immer voll, die Fans hüpfen und singen, egal, wie die Mannschaft spielt und egal, wie es steht. Hunderttausende stehen bei den Großereignissen vor irgendwelchen Bildschirmen und feiern - vor allem sich selbst, berauscht vom Massenerlebnis.
Heutzutage kommen zu irgendwelchen Saisoneröffnungen und öffentlichen Trainingseinheiten mehr Zuschauer als früher zu Bundesligaspielen.
Hat das inzwischen auf die Spieler übergegriffen? Ich habe die letzte Überzeugung vermisst, die Ausstrahlung. Die Botschaft "wir wollen heute unbedingt gewinnen" ging von den deutschen Spielern nicht aus. Löw hat auch vielleicht im entscheidenden Moment zu wenig auf die aktuelle Verfassung einiger Spieler reagiert, die Möglichkeiten, die der Kader bietet zu wenig genutzt. An Spielern festzuhalten, die außer Form sind, aber früher oft Leistung gebracht haben, ist eigentlich nur vertretbar, wenn die Alternativen fehlen. Löw hat bei dieser EM falsch gemacht, was er in den Personalien Frings und Ballack einst richtig machte: Er stellte damals Leistung über vergangene Verdienste, diesmal nicht. Fehlt ihm das Vertrauen in Götze, Reus, Schürrle und Kroos, um nur die herausragendsten Spieler mit zu wenig Einsatzzeiten zu nennen?

Mir tut der FC Bayern leid, der nun mit einer fast kompletten Elf aus frustrierten bis deprimierten Gescheiterten in die Saison gehen muß: Neuer, Badstuber, Boateng, Lahm, Kroos, Schweinsteiger, Müller, Gomez, Robben und mit Abstrichen auch Ribery.
Vielleicht ist Dortmund auch für die Nationalelf das bessere Bayern, die Mentalität der Borussen unter Klopp passt vielleicht besser zum Konzept von Löw als die selbstgefällig ihren Ansprüchen hinterherlaufenden Bayern. Inspiration ging jedenfalls von den FCB-Spielern bei diesem Turnier zu selten aus.
Es ist natürlich nicht alles schlecht, aber wie lange bleibt Halbfinale und "toller Fußball" noch gut genug.

Nicht falsch verstehen, grundsätzlich ist der Wandel von den griesgrämigen, maulenden und kleinlichen Deutschen zur Eventgesellschaft nicht schlecht für die Stimmung im Lande. Sonst müßten wir uns ja mit den Dingen auseinanderstezen, die nicht stimmen in unserer Gesellschaft, im Staate. Mit gewissenlosen Politikern, die für Gesetze stimmen, gegen die sie und jeder gesunde Menschenverstand in Wirklichkeit sind! Wenn die Events und Parties nicht wären, gäbe es womöglich Aufruhr, Fackelzüge vor die Bankhochhäuser, viel mehr Occupy-Bewegungen, etc.
Also: Wehrt euch nicht, feiert.

Mittwoch, 27. Juni 2012

Versuch eines EURO-Tagebuchs 11:

Was interessiert mich mein Geschwätz von Gestern? Alle Viertelfinals wurden von Mannschaften gewonnen, die 60% oder mehr Ballbesitz hatten. Sind wir hier beim American Football? Ballbesitz ist die neue Verteidigung, eine neue Art Catenaggio. Hätte eigentlich schon Sepp Herberger drauf kommen können. Hat er bestimmt auch erfunden, obwohl glaube ich von ihm nicht überliefert ist, daß er gesagt hat "solange wir den Ball haben, kann der Gegner kein Tor Schießen".
Die Portugiesen wollen den Spaniern den Ball wegnehmen. Klingt vielversprechend, aber Können vor Lachen. Auf die Idee sind glaube ich außer Irland schon alle gekommen, aber wie macht man das? Wenn es gelingt, wird es interessant, wenn nicht, dann wird es wie alle Spanien-Spiele bei dieser EM, außer gegen Irland: Eine Mischung aus ehrfürchtigem Staunen und Langeweile. Immerhin (s.o.), es funktioniert, die Spanier haben erst ein Gegentor kassiert, die deutsche Mannschaft dagegen schon vier, zwei davon sogar gegen Griechenland. Wohlan, ich würde mir für Deutschland die Spanier im Endspiel wünschen, sie haben im Gegensatz zu Portugal keinen Lauf, spielen nur, mässig gefordert und mässig gut ihren Stiefel runter, auch wenn es bisher gereicht hat. Die Portugiesen sind seit dem Auftaktspiel deutlich stärker geworden und ein Ausnahmespieler bleibt ein Ausnahmespieler. Ronaldo ist immer besser ins Turnier gekommen.
Kurzer Ausblick auf unser morgiges Spiel gegen Italien: Cassano, sollte er spielen, wird wenig ausrichten, da er sich vom Strafraum und den deutschen Spielern fernhalten wird, aus Angst vor "der Schwulencombo beim DFB". Pirlo ist zu alt und zu langsam um gegen diese deutsche Mannschaft erfolgreich Regie zu führen und Ballotelli trifft nicht. Sollte also endlich mal klappen gegen die Italiener bei einem Turnier.

Versuch eines EURO-Tagebuchs 10:

Ein weiterer spielfreier Tag. Gelegenheit, sich die Entwicklung der deutschen Nationalmannschaft der letzten zehn Jahre einmal anzuschauen. Zunächst war da die kurze Ära Völler, eine Zeit, in der der Trainer populärer war als die Mannschaft. Deutschland wurde in Japan/Korea Vizeweltmeister. Mit einer Mannschaft, die spielerisch wenig zu überzeugen wußte. Ballack zeigte bereits, was für ein wichtiger Spieler er sein kann, auf der "Sechs" dirigierte Hamann und für die Glanzlichter war Bernd Schneider zuständig. Damit wären schon die wenigen herausragenden Spieler internationaler Klasse genannt. Das Vordringen bis ins Finale war glücklich bis zufällig und die Mannschaft konnte auf dem Weg ins Finale weder gegen Paraguay, noch gegen die USA oder Süd-Korea überzeugen. Ins Endspiel brachte die Deutschen Torhüter Kahn. Selten davor oder danach, wenn überhaupt einmal, hatte ein Torwart so großen Anteil an den Ergebnissen seiner Mannschaft wie während dieses Turniers, Kahn war unbestritten der Beste Torwart der Welt. Im Finale war Deutschland dann chancenlos. Zu wenig konnten Spieler vom Format eines Jeremies oder Ramelow zum Spiel beitragen, Klose, noch weitgehend unbekannt, traf zwar fünfmal, davon aber allein dreifach gegen Saudi-Arabien.
Es folgte ein weiterer sukzessiver Umbau der Mannschaft, bei der EM 2004, über die man besser den Mantel des Schweigens hüllen sollte, kamen immerhin erstmals bei einem Turnier Schweinsteiger und Podolski als Vertreter einer neuen Generation zum Einsatz. Danach übernahm Klinsmann und er brachte Löw mit, den früheren Eintracht-Spieler. Bei der Heim-WM und auch in manchen vorherigen Spielen, insbesondere beim Confed-Cup ein Jahr vor der WM, zeigte die Mannschaft teilweise vielversprechenden Angriffsfußball, ließ erstmals wieder aufhorchen, wenngleich (oder weil) die Vertreter der althergbrachten "deutschen" Tugenden langsam am Aussterben zu sein schienen. Man spielte noch ein 4-4-2, mit Mittelfeldraute, Frings und Ballack in der Mitte, Schneider und Schweinsteiger auf den Außenseiten, im Sturm mit Klose und Podolski. Das sah schon gut aus, gegen gleichwertige oder schwächere Mannschaften konnte diese Mannschaft das Spiel und viel Druck machen. Erstmals kam etwas ganz wichtiges ins Spiel, das den Aufstieg der Deutschen zurück in die Weltklasse deutlich beschleunigen und begünstigen sollte: Die Vorbereitung.  Man begann, Gegner akribisch zu analysieren, die eigene Mannschaft auch durch initial komisch anmutende Fitness-Übungen zu präparieren, Lauf- und Passwege einzustudieren, kurz: es wurde ein Plan, ein Spielsystem erkennbar. Dieses trug bei der WM im eigenen Land erste Früchte, wenngleich es weder gegen Argentinien noch gegen Italien letztlich durchgesetzt werden konnte. Immerhin waren die Deutschen gegen die sehr starken Argentinier noch ebenbürtig und obsiegten im Elfmeterschießen. Die Italiener zeigten dem Team dann die Grenzen auf, auch wenn es bis in die zwei Schlußminuten der Verlängerung noch 0:0 stand. Bei der EM 2008 gab es dann noch durchwachsene Darbietungen, auch, weil noch "Altlasten" wie Mertesacker und Metzelder sowie Ballack und Frings im Team den Ton angaben, Spieler, die entweder Schwächen im kreativen Spielaufbau aufwiesen, oder, im Falle von Ballack und Frings, dem geforderten Tempo nicht mehr gewachsen waren. So war Deutschland gegen Spanien deutlich unterlegen, ja eigentlich ohne Chance. 2010 dann eine deutliche Weiterentwicklung. Bereits in der WM-Qualifikation waren die Russen, bei der EM 2008 noch eine Entdeckung, auch dank eines überragend haltenden Rene Adler zweimal besiegt worden. Der Erfolg in Südafrika kam auch dadurch zustande, daß die verbesserte DFB-Nachwuchsarbeit endgültig zum Tragen kam und auch der damalige Bayern-Trainer Van Gaal, neben dem konsequenten Einsetzen von Müller und Badstuber, Schweinsteiger ins defensive Mittelfeld versetzt hatte, eine Position, die dem Edeltechniker am besten ermöglichte, seine Fähigkeiten einzubringen, vorher war er, trotz starker Leistungen, auf der Flanke verschenkt. Der Ausfall des sehr verdienten Ballack, der zuvor auch viele Spiele für die Deutschen entschieden hatte, ermöglichte in Südafrika endgültig den Wechsel zum schnellen Kombinationsfußball. Wieder war bei diesem Turnier Spanien noch eine Nummer zu groß, aber die Deutschen waren nah dran am Unentschieden, Kroos hatte frei vor Casillas den Treffer auf dem Fuß. Erneut konnte die Löw-Elf gegen die flüssig und schnell kombinierenden Spanier ihr eigenes Spiel nicht durchbringen, am Ende brachte aber erneut ein vermeidbarer Treffer - 2008 war es  ein Fehler von Lahm gewesen - nach Eckball das Aus. In der Zwischenzeit hat sich die deutsche Mannschaft noch weiter entwickelt, vor allem ist das Angebot an Spielern, die Löws Fußball spielen können deutlich breiter geworden, fast jeder kann nahezu gleichwertig ersetzt werden. Daß Deutschland gegen die sogenannten Großen nicht gewinnen kann, wie es noch bis in den Beginn der Löw-Ära hieß, ist längst wiederlegt.
Sieht man sich die Entwicklung der anderen Nationalmannschaften in jenem Zeitraum an, so fällt auf, daß keine, auch die Spanier nicht, seit 2006 so kontinuierlich erfolgreich war, Deutschland war von 2006 an immer unter den letzten vier.
Frankreich und Italien, die beiden Finalisten der WM 2006, wurden in der Vorrunde der EM 2008 von den Holländern vorgeführt und spielten 2010 nur eine unrühmliche Rolle, insbesondere die Franzosen. Aktuell ist Italien wieder da, die Franzosen enttäuschten erneut, wenngleich sie die absolute Blamage vermeiden konnten. Die Holländer blieben außer 2010 weit unter ihren Möglichkeiten, obgleich man ihnen eine zauberhafte, berauschende Vorrunde bei der EM 2008 zu verdanken hat - der allerdings ein jäher Absturz gegen Russland folgte. Portugal war 2004 ganz nah dran, konnte aber die unschönste Überraschung der jüngeren Fußballgeschichte nicht verhindern. Man hätte sich von Figo, Deco und Ronaldo immer etwas mehr erwartet, letztlich wurde die Mannschaft wegen wenigen überragenden Einzelspielern immer auch etwas überschätzt. Erst jetzt, da es Ronaldos Team ist, scheint ein großer Erfolg wieder möglich.
Daneben haben Brasilien und Argentinien bei den Turnieren seit 2002 enttäuscht, es scheint hier auch, im Gegensatz zu Europa, keine Konzepte für eine Entwicklung zu geben, alle vier Jahre wieder versucht man sein Glück mit kaum eingespielten Mannschaften. Was durch die großflächig verstreuten Spieler ohnehin schwer ist, wird auch nicht durch Trainingslager oder Turniervorbereitung versucht, zu kompensieren.

Montag, 25. Juni 2012

Versuch eines EURO-Tagebuchs 9:

Was gibt es an so spielfreien Tagen zu schreiben? Irgendwas mit Fußball ist immer. Aktuell der Fernsehstart einer Dokumentation über das aktuelle Leben und Treiben eines früheren deutschen EM-Teilnehmers. Natürlich habe ich die Sendung nicht gesehen, gehöre wohl auch nicht zur Zielgruppe. Aber eine Meinung habe ich trotzdem. Es geht um Lothar Matthäus und zu dem hat wohl jeder, der ihn als aktiven Spieler erlebt hat eine. Also alle, die mindestens 20 Jahre alt sind und sich für Fußball interessieren. Meine Meinung zu Matthäus weicht von den Leuten, mit denen ich mich austausche deutlich ab. Ich sehe in ihm einen Spieler, der zunächst bereits in sehr jungen Jahren eine ziemlich große Klappe und ziemlich viel Talent hatte. Dieses Talent investierte er in den ersten 5 bis 6 Jahren seiner Karriere (also ca. ab 1980) insbesondere in der Nationalelf in das Kettenhund-artige Bewachen und Verfolgen gegnerischer Stars, er war, was es heute nicht mehr gibt, Sonderbewacher, eine Art Vorstopper oder Manndecker im Mittelfeld. Verhinderte das Spiel von Maradona, Platini, Zico, nahm diese und andere Spielmacher der Gegner aus dem Spiel. Er nahm auch seinerseits nicht am Spiel der eigenen Mannschaft teil, das war für den damaligen "Sechser" auch gar nicht vorgesehen. Der Lauf- und Schußstarke Matthäus, der schon damals auch 50m-Pässe zum Mitspieler brachte, begann nach dieser reinen Zerstörerrolle mehr und mehr, auch an der Spielgestaltung teilzunehmen. Eine zeitlang spielte er fast schon wie die heutigen "Sechser". In den Jahren von 1987 bis 1991 war er dann tatsächlich ein dynamischer Antreiber von Weltklasseformat. Wohlgemerkt Weltklasse auf seine Position beschränkt, so wie Kohler ein Weltklasse-Vorstopper war ohne  zu irgend einem Zeitpunkt einer der besten Spieler der Welt gewesen zu sein. Danach ging es wieder bergab, auch von schweren Verletzungen und zunehmendem Alter geplagt. Als Wendepunkte seiner Karriere kann man aus meiner Sicht die WM 1986 einerseits und 1994 andererseits sehen. 1986 begann er erstmals, vom reinen Zerstören abzuweichen, mehr fürs Spiel der eigenen Mannschaft zu tun, wohl auch wegen des gewaltigen spielerischen Vakuums in der deutschen Elf, die damals mehr Vorstopper und Liberos (Herget, Augenthaler, Jakobs, Eder, Förster, Briegel) in ihrem Kader hatte als Spielmacher (Magath). Matthäus übernahm erstmals ansatzweise eine Führungsrolle, die er fortan auch nicht mehr abgab, auch als er längst nicht mehr die dazugehörende Leistung brachte. Am anderen Ende der Skala steht 1994, als der bereits deutlich alternde Kapitän, sinnbildlich für den Niedergang der Nationalmannschaft stehend, auf dem Platz in keinster Weise mehr den Anspruch erfüllte, Weltklassespieler zu sein, neben dem Platz aber so tat, als sei er es weiterhin. Spätestens von da an versuchte er nur noch seine Pfründe zu behaupten, seinen ihm seiner Meinung nach zustehenden Platz an der Spitze der Nahrungskette. Dabei konnte er immer weniger noch auf Leistungen zurückgreifen, immer mehr ging es außerhalb des Platzes zur Sache, in der Kabine und über die Medien, die sich, so sehr sie ihn benutzten, er für sie ein nützlicher Idiot war, auch ihrerseits von ihm einspannen und instrumentalisieren ließen.
Fußballerisch betrachtet haben wir also von 20 Karrierejahren etwa 3, wohlwollend 4 bis 5 Jahre auf hohem internationalem Niveau. Dem gegenüber stehen 5 Jahre als Wadenbeisser, Terrier im defensiven Mittelfeld, in denen er nichts anderes leistete als zu zerstören und weitere etwa 6-8 Jahre als Intrigant, Medienspitzel und Brunnenvergifter in der eigenen Mannschaft bei nur noch mässigen Leistungen. Sein Geltungsbedürfnis, sein Gehabe und sein Führungsanspruch nach innen und außen stimmten also während der überwiegenden Zeit seiner Laufbahn nicht mit der Leistung und dem Ansehen in der Mannschaft überein. Also wenn meine Kinder mich nach Matthäus fragen, dann sage ich ihnen, in beliebiger Reihenfolge, daß er es war, von dessen Tritt (Foul oder nicht spielt dabei keine Rolle) sich Jürgen Grabowski nicht mehr erholte und der auf solche Taten seine Karriere aufbaute und, daß das einmal, von 1988 bis 1991 ein sehr guter Mittelfeldspieler war. Im Gegensatz zu vielen tatsächlichen Stars, gab es Spiele wie das 4:1 gegen Jugoslawien von ihm aber nicht oft genug zu sehen, um ihn zu den ganz großen zu zählen, obgleich er sich in deren Reihen wähnt.
Nun also eine Doku-Soap über sein Leben. Nun, so konsequent, wie er in seinen guten Jahren auf dem Platz war, so ist er es auch nach seiner Karriere. Er macht sich halt mit allem lächerlich, was er seither anpackt. Auch hier kann man die wahrhaft Großen von den Möchtegernen unterscheiden. Hinzu kommt erschwerend, daß Matthäus entweder schlecht oder gar nicht beraten wird.

Egal, meiner Meinung nach tut man ihm Unrecht, wenn man sagt, sein Tun, aktuell die Fernsehshow, seien unter seiner Würde. Dafür hat er eine solche  bisher zu selten gezeigt.

Sonntag, 24. Juni 2012

Versuch eines EURO-Tagebuchs 8:

Welch freudige Überraschung, gerade, als ich nicht mehr daran geglaubt hatte: Joachim Löw ist noch für Überraschungen gut. So wie damals, im Februar 1982, als die Eintracht den Tabellenführer aus Köln empfing. Die Kölner mit Schumacher, Bonhof und Littbarski (damit die seltene Konstellation mit einem Weltmeister von 1974 und einem von 1990 in einem Team), Klaus Fischer, Cullmann. Ein packendes Spiel auf Messers Schneide. Beim Stand von 1:1 wird Joachim Löw in der 61. Minute eingewechselt. Sechs Minute später gibt es Elfmeter für die Eintracht. Der bewährte Schütze Lorant steht auf dem Platz, auch Körbel, Nickel wären mögliche Schützen. Doch wer schnappt sich den Ball? Ich, in Block L stehend, sage entgeistert zu meinem Begleiter: "Oh nein, der Löw schießt". Der Juniorennationalspieler trifft, bezwingt den Weltklassekeeper vom Punkt, die Eintracht gewinnt letztlich 4:2, das Spiel läuft in der Sportschau. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, es wurden von jedem Spieltag nur drei im voraus ausgewählte Spiele gezeigt. Im Winter ein Lotteriespiel, für den Fall eines Spielausfalles blickte man in die Röhre.
Aktuell hat Löw zwar nicht den etablierten Schützen den Ball weggenommen, aber er setzte Podolski, Gomez und Müller auf die Bank. Nach den bisherigen Leistungen vor allem im Falle von Podolski und Gomez vertretbar. Die Maßnahme zeigte Wirkung, mit der Folge einer erheblichen Belebung des deutschen Angriffsspiels. Das Spiel lief viel besser als die bisherigen, ob die Griechen jetzt der bisher schwächste Gegner waren, die Deutschen so stark wie bisher noch nie bei diesem Turnier, oder beides ist schwer zu sagen. Als Optimist tendiere ich zu zweiterem, auch wenn die Mängel im Spiel der Griechen kaum zu übersehen waren. Ein Glück für unsere Mannschaft und für die Zuschauer war sicher das erste Tor der Griechen. Sah es in den Minuten nach der Pause zunächst nur nach einem Verwalten durch die Deutschen aus und wirkten unsere Aktionen nach Wiederanpfiff zunächst halbherzig, so war der Treffer von Samaras ein Weckruf, die deutsche Mannschaft gab danach nochmal Gas und der Sieg fiel noch um ein bis zwei Tore zu niedrig aus. Das Gegentor wäre mit Podolski anstelle Schürrle wohl nicht gefallen, da der perfekt ausgespielte Konter der Helenen von einem Ballverlust des Ex-Mainzers ausgegangen war. Da Podolski nie in ein offensives 1:1-Duell geht, wäre dieser Ballverlust auch nicht entstanden. Da Podolski nie in ein 1:1-Duell geht, ist diese Angriffsseite auch meistens so statisch, wenn er spielt. Schürrle macht ungleich mehr Betrieb, riskiert mehr und generiert so auch viel mehr gute Aktionen und Torgefahr als der zukünftige Gunner. Also sollte Löw gegen die Italiener unbedingt wieder mit der Griechenland-Elf spielen. Schweinsteiger wird er wohl nicht wagen, herauszunehmen, dafür dürfte der Respekt vor Pirlo - zu Recht - zu groß sein. Die Italiener haben sich verdient gegen England durchgesetzt und somit auch verdient, gegen uns zu spielen. Ich habe wenig von ihnen gesehen, was um einen Finaleinzug bangen läßt, so daß der Italien-Fluch, der ja vor allem für Weltmeisterschaften gilt, gebannt werden sollte.
Auf der anderen Seite die Spanier, die sich durch einen großartig spielenden Ribery und einen stark haltenden Lloris alleine nicht aufhalten ließen. Wann hört dieses ewige Ballgeschiebe der Spanier eigentlich auf, attraktiv zu sein oder als attraktiv zu gelten? Jetzt! Es ist eine ständige Gratwanderung zwischen Mittel zum Zweck des Siegens, indem ständig auf den einen Paß in die Spitze zum Torabschluß gelauert wird einerseits, und einem selbstgefälligen Vorführen des Gegners als Selbstzweck, ohne überhaupt aufs Tor zu spielen andererseits.
Der Sieg der Spanier kam jedenfalls "Deutsch" daher, ein toller Spielzug zum Führungstor und danach verwalteten sie das Spiel, ohne noch groß in Gefahr zu kommen, aber auch ohne selbst zu glänzen. "Deutsch" vor der Ära Klinsmann wohlgemerkt. Meistens ist ja das Original besser als die Kopie, das mußten ja auch schon die Holländer feststellen, ein weiteres Team, das für sich in Anspruch nahm, jetzt "deutscher als die Deutschen" zu spielen.

Und bevor ich es vergesse, hier noch ein Gruß an die 11-Freunde-Redaktion bzw. an die Verantwortlichen für das Rätsel. Wolfgang Schäfer, um dessen Lebenswandel zu seinen Frankfurter Zeiten (Rot-Weiß) sich unschmeichelhafte Anekdoten ranken, schoß zwar Bayer zum Pokalsieg. Aber dabei handelte es sich um Bayer 05 und den DFB-Pokal. Seine Ähnlichkeit zu Klaus Täuber ist sicher größer, als die Ähnlichkeit zwischen DFB- und UEFA-Pokal, aber hier wurde wohl etwas schlampig recherchiert. Das besagte Bild im Rätsel zeigt Täuber, den Boxer, beim Versuch, den UEFA-Pokal zu füllen. Der Halter des Pokals könnte A. Reinhardt sein, aber da möchte ich mich nicht festlegen.