"if you can't beat them in the alley, you can't beat them on the Ice" - (Conn Smythe) Aus dem Poesiealbum der Broad Street Bullies, der deutschen Nationalmannschaft gewidmet!

Donnerstag, 16. Januar 2020

Der Winter ist auch nicht mehr das, was er mal war oder (erneut) hoffentlich wird es nicht so schlimm wie es jetzt schon ist.

 Sport im Januar, da denkt man neben Skifahren, Skispringen auch an Eishockey und mancher auch an American Football.
Dieses Jahr muß man sich aber auch, früher als sonst bzw. nach einer kürzeren Pause als gewohnt, mit Fußball befassen.
Abgesehen davon, daß das natürlich Quatsch ist, weil man sich ja nicht damit befassen muß, ist dies ein eher unangenehmes Thema in Frankfurt - sofern man es mit der Eintracht hält. Da hätte die Pause ruhig etwas länger sein dürfen. Weil noch allzu frisch in der Erinnerung ist, daß die SGE aktuell (d.h. in etwa in den letzten zwei Monaten) die mit Abstand schwächste Bundesligamannschaft war. Was sollte sich in den letzten drei Wochen daran geändert haben. Wer sollte binnen dieser "Winterpause" so stark abgebaut haben, daß die Eintracht wieder jemanden besiegen können könnte. Bis auf Weiteres, hoffentlich nicht bis Mai bleibt also die bange Frage: wie und gegen wen will dieser Trainer mit diesen Mitteln (d.h. Taktik + Spieler) gewinnen. 
Viel mehr interessante Fragen hat die Bundesliga für mich nicht zu bieten. Ob die Bayern es schaffen, noch Meister zu werden ist genauso egal wie ob sie im Europapokal diesmal etwas weiter kommen. Ob Götze nochmal zu dem Spieler wird, der ein solches Talent mit 28 sein könnte? Wurscht. Regt es noch jemanden auf, wenn RB Meister würde? Wo man sich schon dran gewöhnt hat, daß Kaiserslautern in der 3., Rot Weiß Essen und Offenbach in der 4. Liga spielen. Ist halt Sport, survival of the fattest (bank account). Bewegt es noch Gemüter, wenn ein Unternehmen wie RB die Meisterschaft gewinnt? Wo es doch nur die logische Konsequenz der von einigen Clubs (z.B. FCB, BVB, B04, Schalke, Wolfsburg und Hoffenheim) vorangetriebenen Entwicklung der letzten Jahre ist. Will man noch wissen, woher der Bundestrainer 23 deutsche Fußballspieler von internationalem Niveau herbekommen soll, um die EM zu bestreiten? Welche Fernsehsender wie viel dafür zahlen, um diese Entwicklung nur ja noch weiter voran zu treiben?
Bei der vielzitierten Schnelllebigkeit des Geschäfts kommt man ja sowieso nicht mit. Kaum sucht man nach Begrifflichkeiten für den Eintrachtsturm, ist versucht, die glorreichen drei gar schon zum Jahrhundertsturm zu erklären, da sind sie schon wieder weg. Genau Teile einer Saison standen Haller, Jovic und Rebic gemeinsam auf dem Feld, in vielleicht ("gefühlt") 20 von 34 Bundesligaspielen alle drei gleichzeitig. Und doch standen die Medien Kopf, waren besoffen vor Begeisterung, so trunken, daß gar der Begriff "Büffelherde" entstand. Und heute? Rebic und Jovic bei ihren neuen Clubs dermaßen durchgefallen, daß schon in fünf Jahren keiner mehr von ihnen sprechen wird. Dafür reicht eine halbe gute Saison bei einem Tabellensiebten beim besten Willen auch in Zeiten der Daueraufgeregtheit nicht! Und selbst der beste und wertvollste des Trios, Sebastien Haller, sitzt in London öfter auf der Bank als ihm lieb sein kann. Aber alle drei kriegen sie in einem Jahr soviel Geld, wie die SGE ihnen nicht für drei Jahre hätte zahlen können oder wollen. Das Gegenteil von Win-Win, alle sind Verlierer dieser Transfers. Weil die Eintracht das eingenommene Geld ungefähr so gut eingesetzt hat wie seinerzeit die Detari-Millionen! 
Also wie schon seit vielen Jahren mehr Gründe, vom Fußball Abstand zu nehmen, als ich aufzählen möchte. Es gibt ja, wie schon erwähnt, noch andere schöne Sportarten. Im American Football z.B. laufen die Playoffs, die Runde der letzten 4 steht bevor. In den USA gibt man sich wenig Mühe, Romantik o.ä. zur Schau zu stellen, der Sport ist Kommerz pur, alle wissen das und nehmen die Sache auch nicht so ernst. Es gibt praktisch keine Auseinandersetzungen zwischen Fans, keine Gewalt, niemand würde hier einen anderen angreifen, weil der zu einem anderen Team hält als man selbst! Fans gegnerischer Mannschaften sitzen wie selbstverständlich im Stadion nebeneinander! (in einem Land, wo man sonst durchaus für bloßen Aufenthalt am falschen Ort im falschen Outfit erschossen wird.) 
Vielleicht doch nicht so schlecht, diese Kommerzialisierung. Aber nicht übertragbar auf den Fußball in Europa. Wie funktioniert es in den USA? Schon in den ersten Jahren der Liga hatte einer der Pioniere des Spiels und Gründervater der NFL, George S. Halas, begriffen, dass es gut für die Liga ist, wenn man teilt. Er ließ andere Clubs an seinem Wissen 
über Trainings- und Coachingmethoden und Taktiken teilhaben und war dafür, Fernseheinnahmen auf alle zu verteilen, verstand, dass das der ganzen Liga zugute käme, was für seine Bears mehr brächte, als allen ständig überlegen zu sein. Er setzte sich sogar in der Stadt Green Bay dafür ein, dass die Erzrivalen der Bears ein neues Stadion gebaut bekommen, damit sie konkurrenzfähig bleiben konnten. Wie gesagt immer von dem Gedanken getrieben, was gut für die Liga wäre, würde den Bears auch nützen. Im deutschen Fußball denken viele Verantwortlichen ja genau entgegengesetzt, der eigene Vorteil könnte nur über die Schwächung der anderen erreicht werden.
Und ein bisschen Tradition (die NFL ist 100 Jahre alt) gibt es ja im amerikanischen Sport auch zu bestaunen. Auf amerikanische Art eben. Das bedeutet z.B., dass die Bears bereits 1919 gegründet wurden, aber nicht in Chicago und nicht als Bears, sondern in Decatur, Illinois als Werksmannschaft einer Stärkefabrik, die Mr. Staley gehörte, weshalb das Team zuerst Decatur Staleys hieß, ehe Spielertrainer Halas die Mannschaft kaufte, nach Chicago umsiedelte und nach zwei Jahren in "Bears" umtaufte. Sie sollten erst, als Mitnutzer von Wrigley Field, "Cubs" heißen, wie das Baseballteam, zogen dann aber die etwas martialischere Variante vor. 
Hier ein bisschen Anschauung zur Tradition auf Amerikanisch:  



1960 nahm die AFL ihren Spielbetrieb auf, u.a. mit den Dallas Texans, die ihre Heimspiele in der Cotton Bowl austrugen. Nach drei Jahren im Schatten der Cowboys verlegte man das Team nach Kansas City, wo es unter dem Namen "Chiefs" weiterging. Die Chiefs waren Ende der 60er sehr erfolgreich, zogen in das AFL-NFL-Finale ein, das später zur Super Bowl I deklariert wurde, wo sie den Packers unterlagen, gewannen dann 1970 Super Bowl IV und durchbrachen damit nach dem Sensationssieg der Jets im Jahr zuvor endgültig die Dominanz der NFL/NFC, die bis dato als der neuen Liga überlegen gegolten hatte.  

So sah das heute imposante, 80.000 Zuschauer fassende Stadion der Green Bay Packers, in den 50er Jahren aus! Pro Football-Pionier George "Papa Bear" Halas hatte sich einst persönlich bei den Stadtvätern von Green Bay eingesetzt, den Packers ein Stadion aus öffentlichen Mitteln zu bauen! Der Dank - neben größter Hochachtung seitens Earl "Curly" Lambeau: Die Packers liefen den Bears sukzessive den Rang ab und errangen mehr Meistertitel! Auch dieses Jahr sind sie wieder weit gekommen und spielen am abgebildeten Ort und doch vor anderer Kulisse um Divisionssieg und Weiterkommen in den Playoffs. 

Kurios: Auch die Tennessee Titans, am Wochenende Gegner der Chiefs im Conference Final, in dem es um die Teilnahme an der Super Bowl geht, stammen ursprünglich aus Texas, waren 1960 als Houston Oilers in die Liga gestartet. Nachdem der Astrodome, einst als achtes Weltwunder gerühmt, nicht mehr gut genug erschien wünschte sich der Teameigner ein neues Stadion, bekam es nicht und zog daher nach Nashville, Tennessee, wo sie ihm eine nagelneue Arena für 70.000 zur Verfügung stellten. Es kam dann wie schon öfter nach einer Relocation: die zurückgelassene Stadt baut dann doch noch das Stadion, dessentwegen das alte Team weggezogen war und die Stadt bekommt ein neues Team, entweder ebenfalls als Relocation oder als Expansion. So geschieht es dieses Jahr, daß die früheren (Dallas) Texans gegen zwei Teams aus Houston, die aktuellen Texans und die ehemaligen Oilers, um das Weiterkommen spielen müssen. 

Die San Francisco 49ers sind das vierte Team, das noch im Rennen ist. 1946 gegründet und von da an bis 1970 im abgebildeten Kezar Stadium zu Hause. Ein Stadion, das den Cineasten aus Dirty Harry bekannt ist. Wirklich erfolgreich wurden die 49ers erst nach ihrem Umzug in das Baseball-Stadion der S.F. Giants, den "Candlestick Park". Um angemessene Heimat für ein NFL-Team zu sein, baute man das Stadion aus, schloss die Lücken, die die Tribünen im Outfield des Baseball-Spielfeldes aufgewiesen hatten und war doch nicht auf Football zugeschnitten. Dennoch waren die 49ers am Candlestick Point eine Macht und gewannen zwischen 1981 und 1994 fünf SB-Titel! Erfolge, auf die, seit im Levi's Stadium (2014) gespielt wird, noch keine weiteren gefolgt sind. Kezar Stadium dagegen wurde nach 1971 mehr oder weniger dem Verfall anheim gegeben, Ende der 80er Jahre schließlich zurück- und mit kleineren Tribünen wieder aufgebaut, von einst 60.000 zu 10.000 Plätzen. Auch die Oakland Raiders, die zwischenzeitlich dann die L.A. Raiders waren, dann wieder die Oakland Raiders wurden und in Zukunft die Las Vegas Raiders (oder vielleicht Twix?) sein werden, spielten hier ihre ersten Heimspiele. 

Mittwoch, 26. Juni 2019

WERBUNG

Eisenbach
Leut' vom Fach
alles unter einem Dach.

Hast Du keine, 
kauf Dir eine - Wally's Jeans!

Wer Jeans trägt, trägt Outsider.

Bist erkältet, mußt Dich schneuzen, 
vergiss, was früher einmal war.
Wozu in der Karibik kreuzen -
denn sieh! das Rebstockbad ist nah.

Freitag, 14. Juni 2019

Die letzten Zuckungen der Fußball-Romantik oder mal wieder ein Saisonrückblick voller Polemik

Was ist das? Es ist der eingesprungene Rebic, beim Erzielen des 2:1 im Pokalfinale 2018! Auch wenn es aussieht wie das Corporate-Logo eines Milliarden umsetzenden Konzerns. Das Pokalfinale 2018 war für mich ein kleiner Wendepunkt, weil es mir lange vergangene Freude am Fußball wiedergab. Und eine - aus Frankfurter Sicht wie meistens - sehr abwechslungsreiche Saison folgen ließ. 
EINTRACHT

Was war das für eine Saison? 54 Punkte, das kann sich sehen lassen, Platz 7 eigentlich auch. Dazu zahlreiche besondere Auftritte im Europapokal, die die Eintracht im öffentlichen Ansehen in neue Sphären katapultierte. 
Die Vorgeschichte der Saison 2018/19 sah so aus, daß der vorherige Trainer Niko Kovac nach einem unwürdigen Schmierentheater, in dem er und die Bayern-Offiziellen die Öffentlichkeit versuchten, für dumm zu verkaufen, seinen Wechsel nach München bekanntgab (den die Spatzen in Person schulpflichtiger Verwandter schon Ende 2017 von den Dächern gepfiffen hatten).  Der Verlust dieses Trainers war zu verschmerzen, zu unansehnlich waren die Darbietungen der Mannschaft meistens, vor allem in der Offensive, wo Kovac allem Anschein nach über keinerlei Ideen verfügt (ein Befund, den er in München bestätigen sollte). Dann holte die Mannschaft sensationell den DFB-Pokal, nur um danach Leistungsträger abzugeben, die nicht gleichwertig ersetzt wurden. 
Anschließend spielte die Eintracht mal wie ein Team aus dem grauen Tabellenmittelfeld, mal wie eine Spitzenmannschaft und mal wie ein Absteiger. Insgesamt, vor allem durch gute Spiele im Europapokal, gelang ein erheblicher Ansehensgewinn und eine positive Entwicklung der Mannschaft. Und das alles mit einem Torwart, der zwischenzeitlich in Paris zwar reich und schön, aber nicht besser geworden war, Abwehrspielern, die auf höchstem Niveau (EL-Viertel- und Halbfinale, BL-Schlußphase) überfordert wirkten und einem Mittelfeld, das das "Spiel gegen den Ball" etwas zu wörtlich nahm - bei eigenem Ballbesitz wurde es oft peinlich. 
 Aber das war nur die eine Seite der Medaille. Andererseits hielt Trapp oft gut, waren Ndicka und Hinteregger echte Gewinne für die Mannschaft, eroberten die Mittelfeldspieler an guten Tagen Serienweise die Bälle, waren die Außenbahnen insbesondere durch Kostic gut besetzt und trafen die drei Stürmer phasenweise nach Belieben. 
Erfreulich lange, gut die Hälfte der Saisonspiele, lief es gut und die Mannschaft gewann neue Fans und Alte zurück, nicht zuletzt wegen der beherzten offensiven Spielweise, die es in Frankfurt so lange nicht gegeben hatte, schon gar nicht unter Kovac, die aber doch am Main Tradition hat. Am Ende konnte man schon gegen Lissabon sehen, daß die Mannschaft an ihre Grenzen stieß, oft hinterher laufen mußte gegen die wendigen, flinken und technisch versierten Portugiesen und der mit Recht frenetisch gefeierte Sieg im Rückspiel gegen Benfica mußte mit purer Willenskraft erzwungen werden. Spielerisch lief schon da nicht mehr viel. Im Liga-Endspurt und im Halbfinale der EL lief noch weniger, auch wenn gegen Chelsea nochmal mit viel Kampf und wenig spielerischem Glanz ein begeisterndes Spektakel geboten wurde.
Unter dem Strich überwiegt das Positive, zumal die Eintracht unfassbarerweise geschafft hat, ohne jedes eigene Zutun in den letzten Wochen der Saison, erneut in die Europaleague zu kommen, wenn auch dieses Jahr zunächst nur die Qualifikationsspiele erreicht wurden. Diese kann man gut als Vorbereitungsspiele behandeln, erspart sich so die logistische Herausforderung, Spiele mit anderen Clubs, die in der Nähe des eigenen Trainingslagers sind, zu koordinieren. 
So weit gekommen zu sein in 2018/19, mit einer wechselhaften Torwartleistung, einer Verteidigung, die zu viele Zweikämpfe verlor, nichts zu einem Spielaufbau beitrug, einem Mittelfeld, das nicht kicken kann und Stürmern, die zu selten gleichzeitig fit und in Form waren, macht es zu einer guten Saison. Ob es die nächste Saison auch wird, wird maßgeblich davon abhängen, wie stark die Bindung der Spieler an den Verein, in dem sie ins Rampenlicht gekommen sind, tatsächlich ist, d.h. wer bleibt und wie gut sind die Neuzugänge aus der Ex-Jugoslawischen Agentur.

ZWIETRACHT

Natürlich drehte sich in der allgemeinen Wahrnehmung und vor allem wieder mal in der Berichterstattung fast alles um die Bayern. Natürlich befeuerte der Vorzeigeclub das Theater, das um ihn gemacht wurde, selbst nach Kräften, wie immer. Aber daß die Medienvertreter sich seit Jahren zu willfährigen Öffentlichkeitsarbeitern für den FCB machen, das ärgert immer wieder. Klar, die legendäre Menschenrechts-Pressekonferenz war ein gefundenes Fressen, wie unfreiwillig komisch und realitätsfern sich der westfälische Bankkaufmann und der schwäbische Wurstfabrikant da zeigten, das war eine Aufbereitung wert. Wobei die Journalisten auch da keine gute Figur abgaben, denn viele Statements des FCB-Führungsduos wurden unkritisch stehen gelassen, es wurde z.B. nicht gefragt, ob Leistungsbeurteilungen bei ehemaligen Welttorhütern verboten seien, ob jede Benotung unterhalb von "gut" bei Bayernspielern die Menschenwürde verletzt etc.. Eine erwünschte Außerkraftsetzung von kritischem Journalismus, das kennt man von den rechten Parteien, aber um die Geisteshaltung der FCB-Oberen zu entlarven, braucht man kein Ibiza-Video, die berufen lieber entblößende Pressekonferenzen ein. Auch die jammerige Einnahme einer Opferrolle haben Rumenigge und Hoeneß mit den Rechten gemein. Sie wollen bestimmen, was und wie über ihren Club berichtet wird, objektive oder gar kritische Berichterstattung soll so weit wie möglich zurückgedrängt werden. Willigster Helfer dabei der TV-Sender "Sport1", der im sogenannten Fußballstammtisch, der sich durch Einladung von Kabarettisten und Leuten wie M. Basler, der so auf den Hund gekommen ist, daß er einen Fünftligisten auf 5.000 € verklagen mußte, selbst diskreditiert, verlässlich die Hälfte seiner Sendezeit dem FCB widmet. So daß die Frage aufkommt, ob es darüber vielleicht sogar Verträge gibt. Als sei das nicht genug, sendet man zwischen Pfandhaus- und Container-Höker-Sendungen aus den USA in diesem Vollprogramm-Sender "FC Bayern-TV". Ein Format, das sich noch nicht mal den Anschein einer unabhängigen Berichterstattung zu geben versucht. Und in Bundesliga-Aktuell kommen viele Clubs nur ausnahmsweise vor, einer dagegen darf nie fehlen - natürlich der FCB.
Wenn ein Fremder ohne Vorkenntnisse einen Monat lang nur "Sport1" schauen würde und man würde ihn dann aufklären, daß in der Bundesliga 18 Vereine spielen, würde der aus allen Wolken fallen (So wie Bekannte von mir, durch jahrelanges Betrachten der Football-Übertragungen im deutschen TV zu Fans der NFL geworden sind und doch von den Chicago Bears noch nie etwas gehört hatten; da waren allerdings noch nicht mal die Kommentatoren des Senders in der Lage, ihren Zuschauern zu erklären, wer George S. Halas war - aber das ist eine andere Geschichte.).
Die sportliche Saison der Bayern ist schnell erzählt. Sie verzichteten darauf, die Mannschaft durch Neuzugänge zu verstärken (bei allem Respekt für Goretzka und Gnabry), gingen also mit den formschwachen WM-Versagern Neuer, Hummels, Boateng und Müller in die Spielzeit, vertrauten weiterhin auf die Oldtimer Robben und Ribery sowie den stets wechselwilligen Lewandowski und holten für den proklamierten Neuaufbau mit altem Personal Niko Kovac. Vielleicht auch, weil ein Trainer mit größerem Renomee unter diesen Bedingungen den Job nicht übernommen hätte. Sie bekamen - absehbar für jeden aber öffentlich ausgesprochen von niemandem - Kovac-Fußball. D.h. Ordnung und Disziplin, Laufbereitschaft mit biederem Spielaufbau und uninspiriertem Angriffsspiel. Es hat für die deutsche Meisterschaft gereicht, in der CL war die beste Saisonleistung gerade mal ausreichend für ein 0:0 in Liverpool, ob es für den DFB-Pokal reicht, werde ich mir natürlich nicht anschauen, da läuft ja auch parallel Eishockey.

MITTELPRACHT

Daß der Meistertitel auch nach dieser sportlich durchwachsenen Saison wieder nach München ging, spricht Bände über das Niveau und noch mehr über die Klasse der Bundesliga. War der deutsche Fußball schon bei der WM in Russland entlarvt worden als im internationalen Vergleich nur noch zweitklassig, so bestätigte die Bundesliga diesen Befund mal wieder, nicht nur aber auch insbesondere in den Europapokal-Wettbewerben. Auf höchstem Niveau nicht konkurrenzfähig, keine Konstanz in den Leistungen und die evtl. als Positivum heranführbare größere Ausgeglichenheit im Vergleich zu anderen europäischen Ligen entpuppt sich bei genauem Hinsehen vor allem als weit verbreitete Mittelmäßigkeit. Es ist kein Qualitätskriterium per se, wenn jeder jeden schlagen kann. 
Während also die Liga sich selbst bejubelt, bleiben immer mehr Sitze in den Stadien leer und die Vereine schaffen es immer weniger, junge Spieler mit Weltklassepotenzial hervorzubringen.
Welche Clubs konnten wirklich begeistern? Dortmund des Öfteren, Leverkusen auch, manchmal die Eintracht, vereinzelt auch Hoffenheim, Bremen oder Leipzig. Wie gesagt: manchmal. Aufregender Fußball wechselte sich aber leider zu oft mit unerklärlichen Leistungseinbrüchen ab. War irgendwo die Zukunft des deutschen Fußballs zu sehen? Eher fraglich, am ehesten noch in Leverkusen, wo Havertz aber nicht mehr lange spielen wird und Brandt schon weg ist. In Berlin wurden viele junge deutsche Spieler regelmäßig eingesetzt, was alleine schon erfreulich ist, aber der Erfolg war überschaubar, so daß das wohl in der Hauptstadt als Modell nicht lange durchgehalten werden wird. Dort waren auch zuverlässig jedes Mal außer gegen Bayern und Dortmund 25-35.000 Sitze leer, was im Fernsehen gar nicht gut aussieht. Interessant auch, daß mit Gladbach und Wolfsburg zwei Clubs ihre Trainer wechseln, die sich gegenüber dem Vorjahr erheblich steigern konnten!  
Einem breiten Mittelfeld ohne echte Abstiegssorgen und ohne Chance auf Europa gehörten immerhin mit Mainz und Freiburg zwei Vereine an, die es regelmäßig schaffen, ohne das ganz große Geld gut mitzuspielen, teilweise auch spielerisch attraktiv. Einfach indem sie sich auf ihre Mittel besinnen und das beste aus ihren Möglichkeiten machen. Dabei haben sie ganz unterschiedliche Trainertypen, die jeder für sich sehr interessant sind. Christian Streich, den ich anhand seiner öffentlichen Äußerungen für einen außerordentlich klugen Kopf und sehr anständigen Menschen halte, kommt daher als kauziges, dialektsprechendes Original. Dabei ist er ein guter Trainer, der trotz kleiner Budgets Jahr für Jahr versucht möglichst attraktiv und offensiv spielen zu lassen, oft mit Erfolg. Und er hat geschafft, das ehemalig gescheiterte Eintracht-Talent Waldschmidt zu einem richtigen Bundesligaspieler zu machen, für den 5 Mio auf einmal gut angelegt scheinen.
Sandro Schwarz dagegen, in der äußeren Erscheinung, Rhetorik und Körpersprache eher kläglich, sprachlich schüchtern wie schlicht gestrickt daherkommend, schafft es, seine Mannschaft einfachen, direkten Fußball spielen zu lassen und das mit einer Regelmäßigkeit und Konsequenz, daß keiner, der Mainz auf dem Spielplan hat, seine Punkte zu sicher einplanen sollte (am frischesten in Erinnerung: SGE und Hoffenheim). Und das mit einer Mannschaft, die jedes Jahr neu eingespielt werden muss - aber so geht es ja an vielen Standorten.
Nicht viel neues auch am nächsten Low-Budget-Standort Augsburg, wo der spielerische Glanz allerdings eher weniger zu Hause ist. Eine schwache Saison, die vor allem deshalb nicht mit dem Abstieg endete, weil mit Hannover und Nürnberg zwei gar nicht bundesligataugliche Teams das verhinderten. Außer daß auch Augsburg der Eintracht die CL-Teilnahme vermasselte, auch noch mit einem Skilehrer als Trainer, vielleicht als Rache für die Desertation Hintereggers, wird mir von Augsburg 2018/19 nichts in Erinnerung bleiben.
Unerwartet fand sich in der hinteren Tabellenregion auch Schalke wieder, wo scheinbar die Qualität des Kaders maßlos überschätzt worden war, Einstellung der Spieler und Konzept des Trainers überhaupt nicht funktionierten. Ich weiß auch nicht, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn ehemalige Eintracht-Spieler aus durchschnittlicheren SGE-Zeiten bei einem Club mit mindestens Europa-League-Ansprüchen Stammspieler sind. Vielleicht wird man sich ohnehin in einigen Jahren fragen, wie es passieren konnte, daß aus einer völlig heruntergekommenen Stadt mit knapp 300.000 Einwohnern einst eine Mannschaft hervorgehen konnte, die ein paar Jahre oben mitgespielt hat. Ob es gut ist, daß der fußballfremde Vorsitzende womöglich als Einflüsterer einen schmierigen Typen mit Springer-Vergangenheit und einen ehemaligen Vereinsmanager, der seit Jahren nur noch als fettleibiger Showteilnehmer auffällt, haben könnte, ist eine andere interessante Frage.  

Eine erfreuliche Erscheinung war Fortuna Düsseldorf, die mit einer relativ namenlosen Mannschaft ungefährdet den Klassenerhalt schaffte, nicht zuletzt auch der gewohnt unaufgeregten Arbeit von Friedhelm Funkel geschuldet. Der Senior unter den Trainern (sieht man vom reaktivierten Rentner Stevens ab) läßt sich durch nichts mehr erschüttern, nicht durch ein 1:7 in Frankfurt, nicht durch ein 3:3 in München und auch nicht durch die Installation des eigentlich nur als Buchautor bekannten L. Pfannenstiel (Funkel so: "ich kenne alle in der Fußballszene, aber den kenne ich nicht!") als Sportdirektor, Manager oder was auch immer.
Neben Schalke mit Stevens leistete sich auch Absteiger Hannover eine kuriose Trainerverpflichtung in Person von Thomas Doll, den schon lange kein deutscher Club mehr haben wollte. War kurz vor seinem Engagement in Niedersachsen Gast im Fußballstammtisch. Werden die Gäste da eigentlich von Agenturen platziert, um ihre Bewerbungen zu lancieren? Was erwartet uns da noch? Ist Ziege bald ein Kandidat für ein Bundesliga-Amt? Basler und Effenberg?   
Der andere Absteiger, der "Glubb" aus Nürnberg, kam mit einer Zweitligamannschaft, trat an mit einer Zweitligamannschaft und geht wieder dahin zurück, wo Zweitligamannschaften spielen. Vielleicht die einzige Mannschaft, die über die ganze Saison hinweg das bot, was zu erwarten war, nicht mehr und nicht weniger, ohne leistungsmäßige Ausreißer nach oben oder unten.
In der Relegation diesmal weder Ham- noch Wolfsburg, aber wieder mal ein Verein, der nach der vorherigen Saison und nur knappem Verpassen des Europapokals nie erwartet hätte, solche Probleme zu bekommen. Nun, die Abstiegsgefahr war dank Club und 96 überschaubar, aber der Dreikampf um Platz 16 zwischen Augsburg, Schalke und Stuttgart war relativ frühzeitig zu Ungunsten des VfB entschieden. Inzwischen ist diese leb- und konturlose Mannschaft nach zwei Unentschieden in der Relegation abgestiegen. Letztlich scheint es immer mehr darauf anzukommen, wie der Kader zusammengestellt ist und passt und weniger, wie die Qualität oder der Marktwert der einzelnen Spieler ist.
Alleine durch die Kapazitäten der Stadien wird also nächste Saison der Bundesligaschnitt deutlich sinken, auch wenn der potenzielle Minuskulissengegner SC Paderborn von Union Berlin begleitet wird, einem Team, das als Gast sicher das Olympiastadion füllt.
Nebensächlichkeit am Rande: So wie die leerstehenden Ränge eines normalen Hertha-Heimspieles reichen würden, alle Besucher eines ausverkauften Union-Heimspieles aufzunehmen, so verhält es sich mit Hannover und Paderborn auch.
Früher habe ich ja immer vor einer Saison kalkuliert, wie viele Mannschaften des aktuellen Teilnehmerfeldes garantiert schwächer als die Eintracht sein müssten. Das erscheint mir aktuell nicht nötig. Ob ich mich aber über die Rückkehr des SC Paderborn freuen soll, weiß ich nicht, da die SGE gegen diesen Club eine ganz miese Bilanz hat.


Vorstand des Jahres:
K.H. Rumenigge. Natürlich, wer sonst. Nicht nur wegen der Pressekonferenz, einschließlich eines abgelesenen und doch nur holprig-gepresst hervorgebrachten "Geht's noch?". Hat Inzwischen das Bayern-übliche was-juckt-mich-mein-Geschwätz-von-gestern perfekt verinnerlicht. Ist hinter den Kulissen maßgeblich am ständigen Überdrehen der Geldschraube durch die europäischen Spitzenclubs als Strippenzieher und Ränkeschmieder beteiligt, was auch das (von mir sehr begrüßte) Verschwinden der CL im Bezahlfernsehen einschloß, fordert aber nach einer halben Saison die Rückkehr der CL-Übertragungen ins frei empfangbare Programm. So dreist und schamlos muss man erst mal sein. Anstatt froh zu sein, daß nicht so viele Zuschauer am TV mitbekommen haben, wie blutleer sein FCB oft aufgetreten ist. Und natürlich ließ er es sich nicht nehmen, einen Mitarbeiter seines Vereins öffentlich zu desavouieren, nach Hitzfeld, Ballack und Kroos nun den aktuellen Trainer. Neben Rumenigges Ausfällen dieses Jahres verblassen sogar die immer bizarrer werdenden Auftritte von Uli Hoeneß, z.B. angesichts der Kritik bei der Jahreshauptversammlung oder beim Verbreiten seiner eigenen Tabellenarithmetik (wir sind Zweiter, die Tordifferenz interessiert mich nicht).



TV-Format des Jahres:
"Fan-Talk" heißt glaube ich die Sendung, bei der Neuruhrer, Basler und Pocher gezeigt werden, wie sie über ein Fußballspiel reden, das der Zuschauer nicht sehen kann. Bin im Laufe der Saison ein- zweimal für ein Paar Minuten hängen geblieben und habe mir das angehört. Gedanken dazu: Ich weiß, warum ich mir Fußball nicht gerne mit mehreren Menschen (ausgenommen Ehefrau und Kinder) zusammen ansehe. Zuviel Geschwätz auf  Stammtisch-Niveau, kenntnisfrei, Leute ringen um die witzigsten Kommentare, die Konzentration aufs Spiel wird ständig gestört. Diese Sendung erinnert mich aufs trefflichste an meine Gründe, lieber alleine zu schauen. Und Mario Basler und Oliver Pocher sind so ziemlich die letzten, mit denen ich etwas gemeinsam machen oder haben wollte. Auch auf so ein Sendungsformat muss man erst mal kommen. Fällt allerdings in einem Sender, der offiziell als Vollprogramm firmiert, aber größtenteils Container- oder Storage-Wars-Quatsch, Call-In-Gewinnspiele für Dumme, Erotikwerbung und -Filme und einen Bruchteil redaktionell erarbeitete Beiträge sendet, nicht wesentlich ins Gewicht.



Fazit:
Mein Verhältnis zum Fußball wird nicht besser. Ich freue mich, wenn die Eintracht gut spielt und Erfolg hat, aber es stört mich, wenn Fans anderer Vereine meinen, mir dazu gratulieren zu müssen, am besten noch in der dritten Person "bei euch läufts ja". Ich möchte nicht stolz auf etwas sein, das ich nicht durch eine Leistung herbeigeführt habe!
Die neueste Fußballarithmetik, in deren Rahmen immer öfter von "Pflichtspielen" gesprochen wird, stört mich auch. Es gibt Ligaspiele, Pokalspiele und Europapokalspiele. Das alles zu Einem zusammenzuzählen verfälscht, zumal auch der "Supercup", ein reines Fernseh-Einnahmen-Generierungsspiel zu den sogenannten Pflichtspielen gezählt wird, genau wie Pokal-Erstrundentreffer bei diesen Rechnungen genau so zählen wie Tore im Europacup-K.O.-Spiel. Sieges- oder Niederlagen-Serien werden auf diese Weise unsachgemäß aufgebläht. Es muss scheinbar alles größer gemacht werden, als es ist. Was mir den Verdacht nährt, dass die Berichterstatter weitgehend dazu übergegangen sind, den Fußball zu bewerben und an den Mann zu bringen, anstatt ihn berichtend zu begleiten.  Aufhören damit.
In der Saison 1981/82 gab es als Beilage des Kicker-Sonderheftes einen riesigen Spielplan, gesponsert von Canon. Da konnte man selbst die Ergebnisse eintragen und die Tabelle ausrechnen. Samstags um 17.20 Uhr war ich damit fertig! Jede Woche! Was machen die Kinder, die sich für die Bundesliga interessieren, eigentlich heute?  (Der Zugang zum Geschehen ist ein ganz anderer, wenn man es selbst ausrechnet und die Tabelle selbst ausfüllt, als wenn man nur eine App aufmachen muß. Das verhält sich ähnlich wie eigene Orientierung mittels Stadtplan oder Karte vs. Navi.) Denkt noch jemand an die Kinder? Wohl kaum. So wie andere Mächtige für die junge Generation vor allem Geringschätzung übrig haben, so ist die Generation Taschengeld für die Liga wohl nicht liquide genug, um besondere Beachtung zu bekommen. Was war zuerst da, die Entfremdung des deutschen Fußballs von seiner Basis oder die Kinder, die häufiger Real Madrid- oder FC Barcelona-Trikots tragen als die ihrer Heimatvereine? Zu letzterem Phänomen hat jedenfalls der mediale Hype um die Chamions-League, den Wettbewerb der spanischen und englischen Zweit-, Dritt- und Viertplatzierten, viel beigetragen. Auch ein Grund, das Abwandern ins Pay-TV zu begrüßen. 
Jedenfalls scheinen die Entscheidungsträger im deutschen Fußball vor lauter Besoffenheit angesichts der Aussicht, immer mehr und noch mehr Geld bei ihren Kunden herauszuholen, den Fußball und das was ihn ausmacht zurückzulassen. Was ihn mal ausgemacht hat? U.a. die leichte Zugänglichkeit, das Nahbare. Als Kinder haben wir täglich auf irgendwelchen Wiesen gekickt, man konnte den Profis ohne Probleme beim Training zusehen, kam für 3 DM ins Stadion (daß das heute unrealistisch ist, ist selbstverständlich), manchmal gab wurden sogar Freikarten an die Schulen verteilt! (Damit gegen Bochum mehr als 10.000 kamen) Länderspiele liefen zu kinderkompatiblen Uhrzeiten und als Sammler von Fußballbildern kannte man jeden Bundesligaspieler. Heute? Die Bolzwiesen gibt es kaum noch, Kinder können fast nur noch im Verein spielen, wo bereits bei den Sechsjährigen ausgesiebt wird und den Kindern gesagt wird, daß sie nicht gut genug sind. Es ist zwar sehr viel schöner, in einem reinen Fußballstadion mit 50.000 Zuschauern ein Spiel zu sehen, im Gegensatz zu den 70er und 80er Jahren, wo man 100 m weit weg stand und erst ab 40.000 Stimmung aufkam. Aber trotz der Besucherrekorde ist der Stadionbesucher kaum noch ein Faktor, das Geld muß woanders generiert werden, so daß der Fußball längst zur Hure der Unterhaltungsindustrie geworden ist. Der chinesische und der US-Markt werden hofiert, es wird dem Geld nachgejagt, egal, wo es herkommt und sei es aus dem arabischen Raum. Der deutsche Fan bringt den Clubs nichts und allen scheinheiligen Beteuerungen zum Trotz werden wir wahrscheinlich auch in absehbarer Zeit über die Austragung von Ligaspielen auf anderen Kontinenten diskutieren. Warum das bisher noch nicht passiert ist? Vermutlich, weil die Bundesliga in China und USA in der Bekanntheit weit hinter anderen Ligen zurückliegt. 
Und auf Verbandsebene haben die Funktionäre, deren Amtsvorgänger noch Werbung für lebensrettende Kondome verboten hatten, keine Probleme, sich aus blutbefleckten Diktatorenhänden Luxusgeschenke machen zu lassen. Aber das hatte der K.-H. aus L. ja auch nicht.

Werde ich den Fußball in der Sommerpause vermissen? Sicher nicht. Werde ich begierig fast drei Monate lang die Transfergerüchte verfolgen? Gewiss auch das nicht. Werde ich mir wieder ein Kicker-Sonderheft mit vorläufigen Rumpfkadern wegen viel zu frühen Erscheinens kaufen? Wahrscheinlich, genau wie das von 11 Freunde, in dem ich wieder feststellen werde, daß ich auf den historischen Mannschaftsfotos mehr Spieler erkenne als in den aktuellen Kadern. Werde ich mich freuen, wenn die Saison dann wieder los geht? Wohl schon.






    




 

  

Mittwoch, 15. Mai 2019

Am Ende leere Hände bzw. es ist doch noch meine Eintracht

Immer wieder in der aktuellen Bundesligasaison hat mich die Eintracht überrascht, schien sie sich von ihrem Nimbus als Punkte liegen lassende, im entscheidenden Moment versagende Mannschaft zu lösen. Es schien vorbei mit auf dem Silbertablett servierten und dann verpassten goldenen Gelegenheiten, nicht mehr die Eintracht, die ich seit über 40 Jahren kannte. Es wurden Spiele tatsächlich gewonnen, von denen allgemein erwartet werden konnte, daß sie gewonnen würden, jedoch normalerweise nicht von Eintracht Frankfurt.
Aber jetzt, am Ende der Saison, ist doch alles wieder wie gehabt, Verlässlichkeit in der Unzuverlässigkeit, verschenkte Gelegenheiten und (Wahrscheinlich) am Ende leere Hände.
So war es immer nach 1959 und so wird es vielleicht bleiben, das ist die SGE-DNA. In der Liga wohlgemerkt, in Pokalwettbewerben gab es immer wieder Ausreißer-Saisons.
Immer wieder gab es Eintracht-Mannschaften, die großes spielerisches Potenzial besaßen, die ihre Gegner beherrschen, manchmal sogar vorführen und ausspielen konnten. Aber nie an genug Spieltagen einer Saison, um den ganz großen Erfolg zu landen, der in 2018/19 ein 4. Platz gewesen wäre. 
So war es in den 60er Jahren, mit Huberts, Solz, Lindner und Lutz, in den 70ern mit Grabowski, Hölzenbein und Nickel, in den 80ern mit Pezzey, Cha, Nickel und Nachtweih und auch in den 90ern mit Stein, Bein, Yeboah und Möller. Schöne Zeiten waren das für Eintracht-Fans und wenn ein Club die Herberger-Weisheit, Menschen gingen zum Fußball, weil sie nicht wüßten, wie es ausgeht, mit Leben füllte, dann war es zuverlässig die SGE.
Also kein Grund, Trübsal zu blasen, wenn es dieses Jahr nicht zur Teilnahme am Europapokal reicht. Man verliebt sich ja auch nicht in eine übergewichtige Frau, um dann nicht damit klar zu kommen, daß ihr Größe 36 nicht passt.
So wie immer in den früheren Spieljahren, in denen 54 oder mehr Punkte erreicht wurden, so fehlt halt auch dieses Jahr unter dem Strich die Qualität. Spieler, die das Niveau der Leistungsträger nicht haben waren bei der Eintracht immer in der Mehrzahl, auch in diesen Erfolgsjahren. 
Was aktuell vielleicht anders ist, ist, daß es in den Schlüsselpositionen nicht reicht. Ein Mittelfeld ohne spielerisches Format wird der Eintracht genauso zum Verhängnis wie Innenverteidiger vom Schlage eines Abraham, der nur noch hinterher läuft und Gegner mit den Armen bearbeitet, anstatt zu tackeln.

Zur Erinnerung hier eine Liste aller Saisons der Eintracht (natürlich nur 1. Bundesliga!) mit 54 oder mehr Punkten. War gar nicht so oft in 50 Jahren:




Donnerstag, 26. Juli 2018

Stell Dir vor es ist WM und keiner ... Nachtrag

Es gibt viel Schönes - und U. Hoeneß

Man sollte ja nicht nachtragend sein, aber nun hat ja die WM ein Nachspiel, also trage ich noch etwas nach.
Die Özil-Angelegenheit füllt das Sommerloch weit über den Fußballkosmos hinaus, beherrscht Schlagzeilen nicht nur bundesweit und außerhalb der Sportteile. 
Auf der einen Seite ein wohl eher schlicht gestrickter türkischstämmiger Fußballspieler, der seine Position, so wie die meisten seiner öffentlichen Äußerungen, von einer Agentur formulieren und verbreiten lässt. Der hatte sich mit dem Herrscher des Heimatlandes seiner Vorfahren getroffen und war dabei fotografiert worden. Mit einem Herrscher, der nach weit verbreiteter Lesart (aber nicht in den Augen etwa der Hälfte seiner Landsleute) ein Diktator ist.
Auf der anderen Seite eine Gesellschaft, die dem Fußballspieler dieses nicht durchgehen lassen will, wobei sich die Missbilligung aufteilt, einerseits dem Treffen mit einem Diktator gilt, andererseits dem Treffen mit dem Herrscher eines anderen Landes. Das politisch linke Lager tadelt ersteres, das rechte Lager letzteres. Der Fußballverband? Hadert a.E. damit, daß es negative Publicity gab, hat keine klare politische Haltung. Zumindest ist für mich nicht klar geworden, was Bierhoff und Grindel genau an Özils Treffen mit Erdogan nicht gepasst hat, sie haben ja auch nicht auf das Treffen sondern auf das Murren in Medien und Öffentlichkeit reagiert. Eine Erklärung haben sie dennoch verlangt, eigentlich sogar eine Entschuldigung. Es wird von Werten gesprochen, die der DFB vertrete. Welche das sein sollen? Keine Erklärung. Jedenfalls keine, die sich damit vereinbaren lässt, mit wem sich der Verband und seine Funktionäre in der Vergangenheit so alles gemein gemacht haben, von Sponsoren über Politiker bis hin zu Nazis, die vor einem Geradestehen für ihre Taten nach Argentinien geflohen waren und dort vom DFB hofiert wurden. 
Was von Einwanderern erwartet wird kann jeder ganz gut benennen, wie es den Einwanderern andererseits in der Fremde geht, interessiert niemanden. 
Was machen Deutsche, die im Ausland leben? Sie sprechen untereinander ihre Muttersprache, sie suchen und konsumieren Lebensmittel und Medien aus ihrem Herkunftsland, sie schicken ihre Kinder auf Deutsche Schulen (sofern vorhanden), kurz, sie halten am Vertrauten fest, bewahren es, stehen zu ihren Wurzeln. Und finden nichts dabei. Der Türke oder Araber in Deutschland aber soll das nicht dürfen.
Und die Integration? Welche bzw. Integration in was? 
Wie integriert sind millionenschwere Fußballer oder Reiche überhaupt? Wann ist man integriert? 
Der Sport? Der Özil von 2010 ist nicht mehr, der aus dem 60 Minuten lang besten Spiel einer deutschen Nationalmannschaft aller Zeiten (das legendäre 4:4 gegen Schweden) auch nicht. Aber so schwach, wie ihn Kritiker oft gesehen haben war er nie. Im Zeitalter der statistischen Leistungserfassung aller Aspekte des Spiels weisen ihn die Daten als weit überdurchschnittlichen Spieler aus, der oft schlaffen Körpersprache zum Trotz. Egal, was man von Özil insgesamt denkt, als Fußballer ist er sehr gut.
Sportlich kann sich Deutschland den Verlust eines so begabten Spielers gerade aktuell überhaupt nicht leisten. (Nebenbei: ein DFB-Präsident ist evtl. leichter zu ersetzen)
Das sieht der schwäbische Wurstfabrikant und Steuersünder natürlich ganz anders. Ähnlich unmotiviert und deplatziert wie die seinerzeitigen Attacken gegen Klose als der im Begriff war, die Länderspieltor-Marke von Gerd Müller zu übertreffen, brach es mal wieder aus dem Hoeneß heraus. Er musste wohl mal wieder. Etwas loswerden. War ja lange ruhig. Ich hatte auch nach dem DFB-Pokalfinale nichts von ihm gehört, nur sein Gesicht auf der Tribüne gesehen, was Bände sprach. Nun also die Aussagen, der Spieler hätte in den letzten Jahren nur Dreck gespielt, keine Zweikämpfe gewonnen, Quer- und Rückpässe, sei ein Alibifußballer usw.. Dachte erst, hat ja recht, aber der Thomas Müller hat so eine Breitseite dann doch nicht verdient, andererseits ist es ja sein Präsident, geht ihn also etwas an. Dann stellt sich doch tatsächlich heraus, daß der Hoeneß gar nicht von Müller sondern von Özil gesprochen hat. Entbehrt sachlich jeder Grundlage, was Hoeneß über Özil sagte, deckt sich aber weitgehend mit der Volksmeinung, der oberflächlichen Wahrnehmung. U. Hoeneß also ein Mann des Volkes, versteht vom Fußball auch nicht mehr als der gemeine Kuttenträger in der Kurve, vom Champagnertrinker auf der VIP-Tribüne ganz zu schweigen. Auch eine interessante neue Erkenntnis.
Wir werden wohl nie erfahren, was in den Bayern-Präsidenten gefahren ist, aber noch vor ein paar Jahren hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß Kalle R. einmal als der Gescheitere dieses Führungsduos dastehen würde.     

Was bleibt unter dem Strich von dieser Affäre? Eine Offenlegung vieler Dinge, die in Deutschland derzeit im Argen liegen, insbesondere das große Missverständnis mit der Integration. Neben einer Anpassungsbereitschaft der Einwanderer, die viele wohl durchaus aufbringen gehört dazu auch eine Toleranz der aufnehmenden Gesellschaft. In der letzten Zeit gibt es eine Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung, die latent immer vorhanden gewesenen Resentiments gegen das Fremde und den Fremden sind zunehmend wieder an die Oberfläche gekommen. Daneben ein Phänomen, das wir auch in der Politik beobachten können, nämlich die totale Überbewertung eines Nebenschauplatzes (Özil-Erdogan) und Aufregung darüber als Ersatz für die Auseinandersetzung mit weit größeren und schwerwiegenderen Problemen (das totale Versagen von Trainer und Mannschaft bei der WM). Möglicherweise sogar ganz gezielt, weil für die wirklichen Probleme keine Lösung gefunden wird.  
Ich bin gespannt, wie viele Fußballinteressierte und auch Journalisten Ende August noch auf dem Schirm haben, daß Löw und Bierhoff noch keine Antworten auf die fußballerischen Fragen gegeben haben.



Dienstag, 17. Juli 2018

Stell Dir vor, es ist WM und keiner ..., Folge 6

Aus, Aus, das Spiel ist Aus! Oder nach Russland ist vor dem Katharr.

Es ist also tatsächlich soweit, die WM ist vorbei. Und sie endete mit einem immerhin sehr sehenswerten Endspiel, das war nicht bei allen Turnieren der jüngeren Vergangenheit so. Spannend war es oft, attraktiv selten im Finale.
Der Auftritt der Kroaten kann gar nicht genug gelobt werden, hocherhobenen Hauptes können sie trotz der Finalniederlage nach Hause fahren. Man kann auch aus verschiedenen Gründen sagen, daß die Franzosen ein würdiger Weltmeister sind, aus meiner Sicht vor allem, weil sie trotz des geringen Durchschnittsalters eine große Mannschaft haben mit Einzelspielern, die zu den absolut Weltbesten gehören.
Die WM insgesamt, es wurde bereits vielfach gesagt und geschrieben, auch von mir, war, was die Attraktivität oder das spielerische Niveau der Spiele angeht, mäßig.
Im durchaus legitimen Bemühen, Wege zum Sieg zu finden, haben einfach zu viele Mannschaften, auch der Sieger, ihr Heil in der Defensive gesucht und gefunden. Mit 11 Mann verteidigen, dem Gegner die Initiative überlassen, Kontern und/oder auf gut einstudierte Standards setzen, das ist der Trend im postmodernen Fußball. Legitim aber nicht erfreulich anzusehen für Freunde eines flüssigen Spieles mit dem Ziel möglichst vieler Abschlüsse. Noch hat es keine Gegenbewegung gegeben, die Mannschaften mit dem größten Offensivpotenzial, Belgien, Kroatien und Brasilien - in der Theorie verfügt auch Frankreich über solches Potenzial - konnten sich nicht durchsetzen, zumindest reichte es nicht zum Titel. England, auch unter die letzten vier gekommen, ist eher zu den postmodernen Teams zu zählen, da ihre offensiven Hoffnungen fast ausschließlich auf Standards setzten. So bleibt vor allem die Erkenntnis, daß ihr Trainer aussah wie ein Flugbegleiter von British Airways und daß sie endlich, vielleicht zum ersten Mal überhaupt, einen Torwart haben, der nicht nur auf der Insel zu den Besten gehört, sondern auch auf der Weltbühne. Und daß sie noch besser werden könnten, da die Mannschaft relativ jung ist.
Der Plan der Deutschen, so habe ich Löw jedenfalls verstanden, war, durch Ballbesitz möglichst weit in der gegnerischen Hälfte, den Gegner müde zu spielen und dann - irgendwie - das Spiel zu gewinnen. Haben die Gegner sich außer den Schweden leider nicht dran gehalten. Den Spaniern ging es da ähnlich wie den Deutschen, auch wenn sie formal ohne Niederlage nach Hause fahren mussten. Im heutigen, meist unattraktiven Fußball ist diese Strategie auf den Kopf gestellt worden, man läßt den ballbesitzenden Gegner sich müde spielen und kontert ihn aus. So fielen 3/4 der deutschen Gegentore. Ballverluste im Mittelfeld helfen da natürlich. Leider hat die deutsche Mannschaft auch nichts aus dem Pokalfinale gelernt, wo die Eintracht schon mal gezeigt hatte, wie es geht.
Aber genug von den Deutschen. Nach jedem Titelgewinn hat es mehr als ein Jahrzehnt gedauert, bis wir wieder eine titelwürdige Mannschaft hatten. Und wir haben immer nur dann eine WM gewonnen, wenn wir eine Mannschaft aus großen Persönlichkeiten hatten, die reif waren für den Titel.

Dann möchte ich noch eine Lanze brechen für das Spiel um den dritten Platz! Es ist eine Weltmeisterschaft und es geht um die Bronzemedaille! Wo ist der Sportgeist, wenn gefordert wird, das Spiel abzuschaffen? Wo der Respekt für den Wettbewerb und die Platzierungen? Was für Werte vertreten die Leute, die dieses Spiel und damit Bronze so geringschätzen, was vermittelt man so den Kindern? Wenn Du nicht Erster wirst, bist Du schlecht, nur der Erste zählt, oder was? Wenn Du verloren hast, gibt es keinen Nachtisch?  Pfui.
Schlimm genug, daß nach der EURO 1980 das Spiel um Platz drei abgeschafft wurde. Nach einem ganz faden Turnier, vor zu 3/4 leeren Stadien, wo das "kleine Finale" genauso öde war wie der Rest des Turniers und fast 20 Elfmeter gebraucht wurden, um den Bronzesieger zu ermitteln!

Daher eine kleine Bilderserie mit Schauplätzen von kleinen Finals (1930 und 1950 wurde keines ausgetragen):


Natürlich sah das Stadion von Neapel, wo das erste Spiel um den dritten Platz in der WM-Geschichte stattfand, nicht so aus. In Neapel besiegte Deutschland die Österreicher mit 3:1 und gewann seine erste Bronzemedaille.

1938 wurde der Dritte in Bordeaux ausgespielt, am selben Ort, wo bis heute das "Stade Lescure" steht. Die Paarung lautete Brasilien - Schweden, die Südamerikaner holten sich das Edelmetall durch ein 4:2. 20 Jahre später standen sich beide im Endspiel gegenüber, ebenfalls mit dem besseren Ende für Brasilien.

Auch vom Austragungsort des kleinen Finales 1954 habe ich leider keine zeitgenössische Ansicht zu bieten. Für Österreich war es das zweite (und letzte) Mal, daß sie das Spiel um Bronze erreichten. Sie besiegten Uruguay mit 3:1. Für den damaligen Titelverteidiger aus Südamerika sollten noch zwei weitere kleine Finals folgen. 

An der Stätte der für Deutschland widrigen Halbfinalpartie gegen Gastgeber Schweden spielte die Herberger-Elf 1958 gegen Frankreich um Platz drei. Wie öfter in der Geschichte bekam auch diesmal der Ersatzkeeper einen Einsatz gegönnt. S geschah es, daß der wackere Heiner Kwiatkowski in seinem zweiten WM-Einsatz nach 1954 erneut eine bittere Packung erhielt und sein Gegentorkonto auf 14 in zwei Spielen anschwoll! Frankreich siegte 6:3 im torreichsten kleinen Finale.

Das Nationalstadion von Santiago de Chile sah 1962 beide Finalspiele. Zum ersten Mal trat ein Gastgeber im Bronzefinale an. Die Chilenen besiegten Deutschland-Bezwinger Yugoslawien mit 1:0.

Auch 1966 wurden Finale und Spiel um Platz drei an gleicher Stätte ausgetragen. Es war auch das Treffen zweier ganz großer Weltstars jener Zeit, denen der ganz große Sieg versagt blieb: Eusebio gegen Jaschin, beide mit dem immer wieder aufgetretenen Problem, daß es nicht möglich war, eine ihrer würdige Mannschaft um sie herum aufzubauen (siehe George Best, Bernd Schuster, C. Ronaldo, Messi um nur wenige zu nennen). Portugal gewann gegen die Sowjetunion 2:1. 

1970 traf Deutschland, ausgezehrt vom sogenannten "Jahrhundertspiel" im Halbfinale gegen Italien und ersatzgeschwächt, im Aztekenstadion auf Uruguay. Ersatztorhüter Wolter (Eintracht Braunschweig!) hielt seinen Kasten sauber und ein Distanzschuß von Wolfgang Overath sicherte den 1:0-Sieg.

In München trafen 1974 dank des neuen Austragungsmodus anstatt der Halbfinalunterlegenen die Zweitplatzierten der zweiten Gruppenphase aufeinander. Es waren die im Turnierverlauf sehr stark aufspielenden und nur knapp an Deutschland gescheiterten Polen sowie der entthronte und etwas enttäuschende Titelverteidiger Brasilien. Polen gewann WM-Bronze durch das siebte Turniertor von Lato, zwei Jahre nachdem sie an gleicher Stätte olympisches Gold gewonnen hatten.

Auch 1978 fanden kleines und großes Finale im gleichen Stadion statt, zum vorerst letzten Mal für 20 Jahre. Der Modus war der gleiche wie 1974 und erneut spielte Brasilien um Bronze, in der Neuauflage des Endspiels von 1970 gegen Italien. Durch den 2:1-Sieg des Rekord-Weltmeisters gewann der noch aktive Roberto Rivelino seine zweite WM-Medaille.

Spanien 1982: Barcelona hatte das Eröffnungsspiel bekommen, Madrid das Finale. Für das Spiel um Platz drei fielen einem dann Valencia oder Sevilla, vielleicht auch Bilbao als traditionsreicher Austragungsort ein. Die Organisatoren vergaben die Partie aber an Alicante, wo weniger als 30.000 sehen wollten, ob Polen oder Frankreich noch etwas aus dem Turnier mitnehmen würden. Polen, wo mit Szarmach und Lato noch zwei große Entdeckungen und Stars der WM 1974 dabei waren, siegte mit 3:2 gegen ohne Platini antretende Franzosen, denen die epische Halbfinalschlacht gegen Deutschland noch in den Knochen steckte. 

Auch 1990 in Italien erhielt ein Spielort abseits der großen Fußballstandorte den Zuschlag für das kleine Finale. Erst zum zweiten Mal nahm der Gastgeber am Spiel um Platz drei teil und siegte wie schon 1962. Gegen England gelang mit dem 2:1 der (bei einer Fußball-WM nicht wirklich stattfindende) Sprung aufs Treppchen. In einem Stadion, das eigens für die WM nach Entwurf des Star-Architekten Renzo Piano gebaut worden war.

Als verfügten die USA nicht über eine ausreichende Zahl von Großstadien, wurde 1994 mal wieder am Endspielort auch das Spiel um Platz drei ausgetragen. Zwei Überraschungs-Halbfinalisten sorgten für bessere Unterhaltung als die Finalisten. Im deutlichsten kleinen Finale aller Zeiten siegte Schweden über Bulgarien mit 4:0.

Im Prinzenpark fand 1998 das Spiel statt, in dem die Kroaten ihr starkes Turnier mit einem 2:1 über die Niederlande krönten.

2002 gab es zwei Gastgebernationen. Der Ausrichter des kleinen Finales, die nicht nur durch gutes sportliches Können bis ins Halbfinale vorgedrungenen Süd-Koreaner trafen auf die ebenfalls nur als Eintagsfliege in der Weltspitze auftauchenden Türken. Letztere gewannen in einem unterhaltsamen Spiel mit 3:2. Der Weg der Asiaten war schon im Halbfinale durch Oliver Kahn beendet worden. 

2006 hatte das Stuttgarter Stadion noch eine Laufbahn. Interessant, daß somit beide Finalspiele in Leichtathletikstadien stattfanden. Das Klinsmann-Team traf auf Portugal und siegte nach einer Schweinsteiger-Gala mit 3:2. Eigentlich erzielte der blondgesträhnte Jungstar alle drei Tore für Deutschland, aber einer der Treffer war so stark abgefälscht, daß er als Eigentor gewertet wurde. 

Ein FIFA-WM-Spiel in so einem Stadion? Natürlich nicht, aber von Port Elisabeth habe ich nur dieses Stadion, das ich auch viel interessanter finde als die modernen und austauschbaren Neubauten der letzten 10 Jahre. In Port Elisabeth gelang Deutschland der außerordentlich seltene Erfolg einer Verteidigung der Bronzemedaille! Wie so oft und oft auch im Gegensatz zum Endspiel bot das kleine Finale attraktiven Fußball mit weniger engen taktischen Fesseln als die sonstigen k.o.-Spiele.


Insgesamt war das Spiel um den dritten Platz oft eine Werbung für die Beibehaltung dieser Begegnung. Deutschland ist im Übrigen auch Rekordsieger, bei fünf Teilnahmen gewann man viermal Bronze! 


Nun also Katar, in viereinhalb Jahren. Wer schon immer die FIFA mit ihrer korrupten Verkommenheit, mit ihren Knebelverträgen und ihrer Rigidität, mit der Sponsoreninteressen durchgesetzt werden ohne Rücksicht auf Verluste, in die Wüste schicken wollte, der bekommt nun, was er wollte. Parallel zu den Olympischen Spielen, geht auch beim Fußball die Entwicklung dahin, daß man für die Ausrichtung einer solchen Veranstaltung mit ihren starren Vorgaben, einer Quasi-Abtretung von Hoheitsrechten an FIFA/IOC und der Gefahr, die öffentlichen Haushalte erheblich zu belasten ohne bleibenden, nachhaltigen Gegenwert, nur noch Diktatoren, Autokraten und andere Potentaten gewinnen kann. Die schöpfen aus dem Vollen, müssen keinem Parlament oder Volk Rechenschaft ablegen und dürfen sich mit einem weltumspannenden Ereignis schmücken. Mir ist es ja egal, ob die Formel 1 in Bahrein anstatt am Nürburgring ihre Runden dreht, da diese Veranstaltung ohnehin der Realität der Zuschauer völlig entrückt ist. Kann sich der Scheich meinetwegen auch alleine mit seiner Familie ansehen, ob sonst noch jemand auf der Tribüne sitzt oder nicht, fügt der Veranstaltung nichts hinzu und nimmt ihr nichts weg.
Beim Fußball sieht das ganz anders aus und ich bin gespannt, wie sie es hinkriegen, daß die ohnehin kleinen Stadien in Katar nicht leer bleiben. 





Was hat die wunderbare ehemalige Stadionlandschaft Glasgows mit der WM zu tun? Schottland wird wohl nie eine WM austragen dürfen. Aber die drei großen Stadien mit ihren früheren Kapazitäten hätten genügt, um etwa alle katarischen Staatsbürger unterzubringen. Das die Bevölkerungszahl wesentlich vergrößernde Dienstpersonal aus dem Ausland muß draußen bleiben, dann passt es.

Donnerstag, 12. Juli 2018

Stell Dir vor, es ist WM und keiner ..., 5. Folge


Nach dem Urlaub und vor dem zweiten Halbfinale will ich mal wieder meinen Senf zum Gesehenen und Geschehenen abgeben.
Endlich, nach einer m.E. zähen und weitgehend unansehnlichen WM, steht das drittletzte Spiel an. Immerhin waren/sind in diesem Halbfinale die drei Mannschaften vertreten, die, zusammen mit Brasilien, am besten Fußball spielen können. Leider taten das die Franzosen, Belgier und Kroaten auch nicht immer, insbesondere die Franzosen haben die grassierende Krankheit des (post-)modernen Fußballs, sie stehen hinten massiert, kompakt, geordnet, diszipliniert und körperlich sehr präsent und verzichten oft auf die offensive Initiative. Aber sie verfügen mit Pogba, Griezmann und Mbappe über Spieler von absoluter Weltklasse, die jederzeit durch außergewöhnliche Aktionen das Spiel entscheiden können und mit ihrer Technik das Auge des ästhetischen Fußballbetrachters erfreuen können.
Die vierten im Bunde, die Engländer, sind nicht dank ihres überschaubaren Könnens unter die letzten vier gelangt, aber danach fragt später niemand mehr. Seit über 40 Jahren beobachte ich nun schon das Phänomen, daß in England, sobald ein Spieler auftaucht, der etwas überdurchschnittlich kicken kann, jedes Augenmaß verloren geht und ernsthaft der WM-Titel erwartet wird. So war es zu Zeiten von Kevin Keegan, Bryan Robson, Gary Lineker, Paul Gascoigne, Michael Owen, David Beckham, Lampard / Gerrard (die nicht zusammen konnten, es spielte meist nur einer). Alle solide, wie gesagt überdurchschnittlich, aber nie Weltklasse, keine "Unterschied-Spieler". Den Engländern war es egal, so wie sie auch das diesjährige Team überhöhen und überschätzen.
Naja, als Deutscher sollte man da besser still sein, wir haben uns auch nicht bei jeder der vielen Halbfinalteilnahmen mit Ruhm bekleckert ('82, '86, '02). Genau genommen wurde die deutsche Mannschaft auch beim insgesamt nicht mal unverdient gewonnenen Turnier 1990 von Spiel zu Spiel schwächer, nach dem Achtelfinale gegen die Niederlande kam keine überzeugende Leistung mehr. 
Was mich zum deutschen Fußball bringt: kaum vorstellbar, aber die Verantwortlichen geben in der bisherigen Nachbetrachtung oder Aufarbeitung ein noch beschämenderes Bild ab als die Mannschaft es beim Turnier gezeigt hatte. Die wirklich relevanten Fragen sind m.E.: warum waren so viele Spieler außer Form oder haben keine Leistung abgerufen, warum wurde die Kaderauswahl so getroffen, warum war keine Spielidee erkennbar, warum fanden Leistungen bei Nominierung und Aufstellung so wenig Berücksichtigung und überhaupt, was war eigentlich mit Trainer Löw los? Im Gegensatz zu seiner zur Schau gestellten Tiefenentspanntheit schien der Bundestrainer nichts unter Kontrolle zu haben. Vorbereitung? Training? Taktische Ausrichtung, Handeln der Spieler auf dem Platz und im Quartier? Verhalten von Menschen, die warum auch immer auf der Bank saßen? Löw wirkte so, als habe er mit all dem nichts zu schaffen. Aber immer die Ruhe bewahrt. Was den Eindruck, er nehme gar nicht Anteil oder interessiere sich gar nicht für das, was da passiert noch unterstreicht. Was wiederum auch zu seiner Entrücktheit passen würde, die neben der Entspanntheit der führende äußere Eindruck von ihm ist, der nach der WM zurückbleibt.  Und jetzt? Man (Grindel und Bierhoff) hat entschieden, eine Kampagne gegen Özil zu starten. Anstatt sich o.g. Fragen zu stellen. Mit dem Trainer fraglich abgestimmt. Wenn er nicht hinter diesem Bauernopfer stehen sollte, warum springt er Özil dann nicht zur Seite? Özil gehört sicher nicht zu denen, die am weitesten von ihrem Potenzial entfernt agiert haben. Geradezu absurd muteten die Darbietungen von Müller an, auch Kroos, den man versucht hatte, zum Gesicht der Mannschaft zu stilisieren, mangels Weltklassespielern, war bestenfalls grenzwertig in seinen Leistungen. Sicherheits- und Alibipässe, Ballverluste und halbherziges Zurückarbeiten - so sehe ich seine Turnierbilanz. Sein Anteil an den Erfolgen von Real Madrid wird in Deutschland vielleicht auch etwas überschätzt. Ein spielentscheidender Kreativspieler war er jedenfalls m.E. nur vor vielen Jahren im Trikot von Leverkusen. Und zu Özil und Gündogan: Wann hat jemals ein Beckenbauer, Overath, Maier oder Müller, Breitner, Schuhmacher, Rumenigge oder Matthäus beteuert, wie viel es ihm bedeutet, für Deutschland zu spielen? Die Nationalhymne singen? Dazu fallen mir vor allem der Kaugummi mampfende Schuhmacher, die stoisch-starren Minen von Kaltz und Rumenigge beim Abspielen der Hymne ein. Beckenbauer habe ich als Spieler nie mitsingen sehen und was Breitner gesagt hätte, wenn Hermann Neuberger verlangt hätte, die Spieler sollten die Hymne singen, das kann sich jeder vorstellen, der ihn als Aktiven erlebt hat (als er noch nicht der dummschwätzende Markenbotschafter des FCB war, sondern ein kritischer, mündiger und erfolgsbesessener Spieler). Also höre man mir bitte mit diesem patriotisch-nationalistischen Quatsch auf, wenn es um eine Mannschaft aus in erster Linie am eigenen Fortkommen interessierten Einzelspielern geht. 
Sieht man einen Luca Modric  (33) spät in der Verlängerung gegen Russland über das halbe Spielfeld im Vollsprint einem Ball hinterherjagen, um diesen am Überschreiten der Auslinie zu hindern, dann weiß man jedenfalls, warum Deutschland mit Recht nicht die K.O.-Phase erreicht hat. Und natürlich auch, weil wir keinen James, keinen Mbappe, keinen Pogba, Griezmann, Hazard, noch nicht mal einen Kane haben. 
Deutschland abgehängt, sehenden Auges in diese Lage geraten.
Ansonsten bleibt mir nach dieser WM vor allem die Frage, wann bei der FIFA endlich der gesunde Menschenverstand einsetzt und die reine Spielzeit eingeführt wird. Wenn schon der Fußball immer unattraktiver wird, dann sollte wenigstens endlich das unsägliche Zeitspiel, das so oft als zusätzliches taktisches Mittel eingesetzt wird, eliminiert werden. Und der Videoassistent sollte verstärkt gegen grobe Unsportlichkeiten zur Anwendung kommen. Ich stelle mir in kühnen Phantasien vor, daß es vor dem Spiel eine klare Ansage des Schiedsrichters gibt, daß Spieler, die wissen, daß es keinen (relevanten) Kontakt in einem Zweikampf gab und dennoch simulieren, sie seien gefoult worden, grundsätzlich mit gelb bestraft werden und umgekehrt Spieler, die wissen, daß es einen Kontakt gab und dennoch sofort reklamieren, es habe keinen gegeben, ebenfalls. Dank der Videotechnik wissen die Spieler ja, daß sie jederzeit zu überführen sind.
Eine der Szenen der WM war für mich, als im Viertelfinale BRA-BEL Neymar nach seiner Schwalbe im Belgischen Strafraum sein übliches Herumwälzen aufgab, aufsprang und auf Weiterspielen drängte, während einige Brasilianer noch den Videoassistenten forderten. Er wusste, daß die eindeutige Schwalbe eine gelbe Karte zur Folge hätte haben können, was eine Sperre für das Halbfinale nach sich gezogen hätte!  
Unter dem Strich verstehe ich nach Russland 2018 besser, warum das Spiel in den USA nicht ernst- und angenommen wird (zumal, wenn ich die bestenfalls zweitklassigen Spiele der Major League Soccer anschaue). Es passiert einfach zu wenig. Inzwischen gibt es ja auch Statistiken über die "echten" Torschüsse, analog zum Eishockey. Zählt man nur die Schüsse, die aufs Tor kommen und nicht wie bisher üblich alles, was zwischen den Eckfahnen ins Aus geht, so wird aus zweistelligen Torschüssen eine an einer Hand abzählbare Menge, nur ausnahmsweise pariert ein Torhüter einmal mehr als fünf Schüsse in einem Spiel. Ansonsten ereignisarme Abwehrschlachten wo man hinsieht. Auch ohne Italiener. 
Wird Zeit, daß die WM endet und endlich Fußballpause ist.