"if you can't beat them in the alley, you can't beat them on the Ice" - (Conn Smythe) Aus dem Poesiealbum der Broad Street Bullies, der deutschen Nationalmannschaft gewidmet!

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Stadionalbum 21: Meine erste Bundesligasaison


Es war 1975/76, als ich erstmals mitbekam, daß es eine Fußballbundesliga gibt und ich meine ersten Spiele gesehen habe. Die Trikots waren noch aus Baumwolle, die Mannschaften konnte man noch an ihrer Werbung erkennen (Erdgas, Campari, Arag, Nordsee, Jägermeister, etc.), die Haare der Spieler waren lang und wild, Mann trug auch Bart. Die Torhüter waren noch zierliche Flieger, die Flanken bis an die Strafraumgrenze hinterherflogen, jede Mannschaft hatte einen Libero, fast jede einen Spielmacher ("Zehner"), Torjäger und - natürlich drei Spitzen, aber nur zwei Ausländer waren erlaubt. Die Fernsehlandschaft war fest in öffentlich-rechtlichen Händen, Sonntags berichtete das ZDF noch von Radball u.ä., beim HR moderierte das legendäre Dreigestirn Rauschenbach, Kuhlins und (Grabi-Lookalike) Obermann, im Radio wurde nicht im Minutentakt umgeschaltet. Und ich sammelte erstmals Fußballbilder, die damals noch vom Bergmann-Verlag kamen. Mit anderen Worten: Da war die Welt noch in Ordnung.
 Die dazugehörigen Stadien waren größtenteils noch so weitläufig, daß die Bierbäuchigen Kurvenfans es gar nicht bis zum Platz geschafft hätten, um ihn zu stürmen und auch das Werfen von Gegenständen auf das Spielfeld war nicht so leicht. Von Arena war damals keine Rede, im Gegenteil, es gab sogar noch "Kampfbahnen", die Zuschauer waren weit weg und standen im Regen, allerdings für nur drei Mark!
Die Plätze hier im damaligen Aussehen, sofern es meine Sammlung hergibt:

1.: Mönchengladbach - Der große Sturm und Drang der Netzer-Jahre war schon verebbt, unter Udo Lattek spielte man eher zweckmäßig, es reichte, da die Bayern sich in einer Art Umbruch befanden und der Rest der Liga nicht konstant genug, um dauerhaft mithalten zu können.

2.: Hamburg -Eine Vizemeisterschaft aus relativ heiterem Himmel für die Mannschaft um Kargus, Kaltz, Nogly, Volkert und co. Dem schillernden Präsidenten Dr. Krohn war das alles nicht glamourös genug, so daß bald die rosa Trikots kamen, Trainer Klötzer wenig später dem bunten Hund Gutendorf weichen mußte, Keegan kam und nur drei Jahre später ein Meistertitel geholt wurde.

3. - München - Die Bayern waren etwas satt von den überwältigenden Erfolgen der Vorjahre, sie befanden sich inmitten einer sechs Jahre währenden Durststrecke ohne Meistertitel. Immerhin gewannen sie zum dritten Mal in Folge den Landesmeisterpokal. In der Liga mußten sie monatelang ohne ihre Ein-Mann-Torfabrik Gerd Müller auskommen (immer noch phänomenal: 22 Sp., 23 Tore!), Hoeneß war nur noch ein Schatten seiner selbst und Rumenigge wurde noch belächelt. Ein nennenswertes Mittelfeld hatten sie in der Ära Beckenbauer ohnehin nicht.

4.: Köln - Rechtzeitig nach der Heim-WM war das Stadion fertiggeworden, nachdem im Zuge der WM-Bewerbung noch Querelen für die Nichtberücksichtigung der Domstadt zugunsten Düsseldorfs den Ausschlag gegeben hatten. Nun spielten die Geißböcke im ersten komplett überdachten Leichtathletikstadion Deutschlands. Im Bildhintergrund links ist das Radstadion zu sehen, das während der Umbauphase die Heimstätte - auch für das einzige Erstligajahr von Fortuna Köln - gewesen war. Schumacher, Cullmann, Overath, Flohe, Löhr, Dieter Müller und andere spielten eine gute Saison, durchbrachen auch zwei Jahre später die Serie von Bayern/Gladbach, die neun Meisterschaften in Folge untereinander ausgemacht hatten.

5.: Braunschweig - die andere Eintracht kletterte als Liganeuling auf Platz fünf. Mit Zebec auf der Trainerbank, der Trotz des Klubsponsors seinen Alkoholkonsum noch im Griff zu haben schien, dem überragenden Franke im Tor, sowie den Sturmspitzen Popivoda und Wolfgang Frank als Aktivposten und einer Reihe eisenharter, knorriger Verteidiger. (75/76 war die Kurve noch nicht überdacht)

6.: Schalke: Langsam von den Folgen des Skandals (wenn seinerzeit von Skandal die Rede war, war nur einer damit gemeint, nicht wie heute, da jede Woche eine andere Sau durchs Mediendorf getrieben wird) erholt, spielten die "Knappen" teilweise erfrischenden Angriffsfußball, stellten in Klaus Fischer den Torschützenkönig und wiesen in den Kremers-Zwillingen, Nigbur im Tor, Rüßmann und Abramczik weitere herausragende Könner auf.

7.: Kaiserslautern - damals passten gut 34.000 ins oft nur zur Hälfte gefüllte Stadion. Die von Erich Ribbeck trainierten Pfälzer besaßen in Ronnie Hellström einen Weltklassekeeper und in Toppmöller einen sehr treffsicheren Mittelstürmer, oft bedient vom ebenfalls Torgefährlichen Sandberg. Daneben eine Menge durchschnittlicher Spieler.

8.: Essen - das legendäre Georg-Melches-Stadion, als einziges Erstligastadion nach einem Vereinspräsidenten benannt. Die Rot-Weißen, 1955 als erster Westverein nach dem Krieg, noch vor Schalke, Dortmund oder Köln deutscher Meister, waren 1976 immerhin noch die Nummer zwei im Revier. Lang ist's her! 75/76 spielten hier immerhin Dieter Bast, Werner Lorant, Manfred Burgsmüller, Horst Hrubesch (22 Sp. / 18 Tore!) und natürlich Willi Lippens, der holländische Ex-Nationalspieler.

9.: Frankfurt - Die Eintracht war noch launische Diva, Schützenfeste wechselten mit Enttäuschungen. Am Ende ein irreführender 9. Platz, da mit nur einem Punkt mehr mit Rang 6 der Einzug in den UEFA-Cup geglückt wäre. In diesem Stadion verloren die Bayern binnen eines Jahres zweimal mit 0:6, im Vorjahr gegen die Kickers, 75/76 gegen eine entfesselte Eintracht (Halbzeit 5:0!). Es war die leider zu kurze erste Ära Weise, die Hochzeit von Grabi, Holz und Nickel, begleitet vom damals immer noch sehr jungen Charly Körbel, Willi Neuberger und den Ur-Frankfurtern Scheppe und Schoppe-Gerd. 
10.: Duisburg - Urgestein der ersten Liga, bis dahin und noch weitere Jahre seit Gründung dabei und nicht abgestiegen. Mit dem kleinsten Torwart der Liga, Gerhard Heinze (1,76 m), einem der verwegensten Flieger jener Tage, Bernhard Dietz, Worm und Seliger im Sturm, Jara als Mittelfelddirigent sowie den Legenden Bella und Pirsig. Nicht zu vergessen der später wegen Verwicklung in Kokaingeschäfte verurteilte Kees Bregmann auf der Liberoposition. Ach ja, der fast-Kickers-Sportdirektor, Ex- oder immer-noch-Gastwirt Walter Krause spielte in der Saison ein paarmal für die Zebras. 
11.: Berlin - Wenig erbaulich war die Saison für die Hertha, nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr. Lichtblick waren die beachtlichen 23 Tore von Mittelfeldstratege und Nationaspieler Erich Beer und die 14 Treffer, die Ex-Kickers-Legende Erwin Kostedde in nur 26 Spielen erzielte. In der Abwehr konnten weder die Torhüter Wolter (Exnationaltorwart) und Zander (Akrobat schön!), noch der ehemalige Eintrachtler, Funkturm und Ogilthorpe-Doppelgänger Uwe Kliemann, der gelernte Koch Hans Weiner oder (der 83/84 im Eintracht-Trikot in beiden Spielen gegen den OFC vom Platz gestellte) Michael Sziedat das Abrutschen ins Mittelmaß verhindern.
12.: Düsseldorf - Die Fortuna war nach starker Vorsaison deutlich abgefallen, trotz eines beachtlichen Sturmtrios Geye, Seel und Herzog. Gerd Zewe, Pädagogik-Student und späterer Nationalspieler und der unverwüstliche Egon Köhnen trugen ferner das Fortunatrikot und der junge Klaus Allofs ließ vorerst wenig von seiner späteren Klasse ahnen.
13.: Bremen - An der Weser war in den 70ern eher magere Kost angesagt aber immerhin hielt das Versprechen von Eisenfuß Höttges "Solange ich für Werder spiele, steigen wir nicht ab." Erwähnenswert außerdem Rudi Assauer, der in jener Spielzeit seine Karriere ausklingen ließ. Die Vereinsfarbe in Kombination mit Sponsor Norda mag zu dem Schmähgesang der gegnerischen Fans geführt haben "was ist grün und stinkt nach Fisch? Werder Bremen!"


14.: Bochum - Die graue Maus schlechthin, Lameck, Tenhagen und Hermann Gerland waren die Korsettstangen. Die Bochumer trugen ihre Heimspiele wegen des begonnenen Umbaus des Stadions an der Castropper Straße in dieser Saison in drei verschiedenen Stadien aus. Neben dem abgebildeten alten Bochumer Stadion spielten sie noch in Herne und Dortmund.

15.: Karlsruhe - Als Aufsteiger dringeblieben, mit einer mässigen Mannschaft ohne herausragende Spielerpersönlichkeiten. Bemerkenswert aus meiner Sicht nur Karl-Heinz Struth, ein Vorstopper mit gewaltigem Schuß, der in einem späteren Spieljahr einmal einen Schiedsrichter (allerdings aus kurzer Distanz) K.O. schoß und Kurt Niedermayer, der später einmal für ein Länderspiel Nationallibero wurde, einer der vielen gescheiterten Beckenbauer-Nachfolger.

16.: Hannover - Zu diesem Absteiger fällt mit ganz wenig ein, selbst langjährige Stammspieler wie Hayduk, Anders, Stiller oder Damjanoff haben bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterlassen!

17.: Offenbach - Ein jäher Absturz der zuvor etabliert scheinenden Kickers. Im Vorjahr guter siebter mit 38-30 Punkten und 72 erzielten Toren. Nun war der 18-fache Torschütze Kostedde für die Hertha am Ball, Siggi Held war ein Jahr älter und langsamer geworden und der OFC war von Anfang an im Abstiegskampf. Otto Rehagels erste Trainerstation war ähnlich erfolgreich wie seine letzte. Daneben trieb Willi "Sie Dreckschwein, ich schlag Ihnen in die Fresse, mehr sind sie net wert" Konrad, später Spießgeselle von Rolf-Jürgen Otto in Dresden, als Geschäftsführer sein Unwesen auf Biebers Höhen. Die Kickers schafften das Kunststück, vom dritten Spieltag an drei Spiele in Folge mit je vier Toren Unterschied zu verlieren, ehe die Eintracht an den Bieberer Berg kam. Wie meistens verloren die Adlerträger dort (wie sie es überhaupt bis heute gerne gegen schwächelnde Außenseiter tun). Vermutlich mangels sportlicher Rivalität waren beide Mainderbys nicht ausverkauft.

18.: Uerdingen. Fragt man heute einen nach 1990 geborenen Fan, ob Krefeld einmal in der Bundesliga war, wird die Antwort wohl negativ ausfallen. Kleiner historischer Exkurs: Bis Ende der 80er gab es zwei Bayer-Werksteams, ehe der Konzern die Alimentierung des Krefelder Stadtteilklubs einstellte. Erst Mitte der 80er, etwa ab 1987 fand langsam eine Wachablösung statt, bis dahin war Uerdingen die Nummer eins unter den Bayer-Teams, gewann 1985 den DFB-Pokal gegen die Bayern, wurde einmal dritter in der Liga und lieferte begeisternde Europapokalabende. 1975/76 reichte es aber auch für Bayer 05 nur zum abgeschlagenen letzten Platz. Über die Relegeation gegen den FK Pirmasens in die Bundesliga aufgestiegen, war die Mannschaft von vorne bis hinten zu schwach besetzt, um die Liga halten zu können. Der hünenhafte aber unsichere Manfred "Krake" Kroke im Tor ist neben Funkel (der halt damals noch nicht Trainer war) und Raschid der einzige Spieler, der mir im Gedächtnis geblieben ist.


Montag, 17. September 2012

40 Jahre WHA (World Hockey Association)







Vor fast 40 Jahren, im Oktober 1972, startete die legendäre Eishockeyliga WHA ihren Spielbetrieb. Just zu der Zeit, als die Eishockeywelt gebannt der "Summit-Series", einer acht Spiele umfassenden Serie zwischen den besten Kanadas und der sowjetischen Eishockeyauswahl zugesehen hatte, der ersten Begegnung zwischen den wirklich besten Auswahlteams beider Eishockeysupermächte. Die Homepage der NHL gedachte gerade in einer Artikelserie diesem Gipfeltreffen, in dem die Kanadier zwar knapp die Oberhand behalten hatten (4-3-1), das ihnen aber deutlich aufgezeigt hatte, daß sie keineswegs die alleinige Weltherrschaft des Eishockey innehatten. Ohne Bobby Orr und Bobby Hull angetreten, den seinerzeit spektakulärsten Aushängeschildern, hatten sie sich vor allem mit körperlicher Härte gegen die filigraneren und schneller kombinierenden Sowjets durchgesetzt, gipfelnd darin, daß Bobby Clarke dem nie in den Griff zu bekommenden Valeri Charlamov durch einen gezielten Stockschlag einen Knöchelbruch zufügte.
Es lohnt sich, wenn auch aus anderen Gründen, dieser unvergesslichen Konkurrenzliga zur NHL ein Denkmal zu setzen, die sich also (wie die Sbornaja) aufmachte, dem Eishockey-Establishment das Fürchten zu lehren. Über die WHA kursieren so viele köstliche Anekdoten, daß man diese Liga erfinden müßte, hätte es sie nicht tatsächlich gegeben.
Es gab haufenweise Teampleiten, Umzüge von Mannschaften, teilweise bei laufendem Spielbetrieb, geplatzte Gehaltsschecks, Mannschaften, die auf Flughäfen festsaßen, weil das Auftanken des Flugzeuges nicht bezahlt werden konnte (ehe der Konditionstrainer mit seiner Kreditkarte aushalf), Teams aus dem frostigen Norden, die einen Aufenthalt in San Diego so sehr genossen, daß sie wegen des Sonnenbrandes die Ausrüstung kaum anlegen konnten, ein Pokal, der während der Finalserie noch gar nicht beschafft worden war und so kurzerhand in einem lokalen Sportgeschäft gekauft werden mußte, vom Pressesprecher der New England Whalers, usw.
Und natürlich, in der Ära der "Big bad Bruins" und der "Broad Street Bullies" in der NHL, viele viele Faustkämpfe und sehr hartes Spiel. Ein Teambesitzer soll gesagt haben "If we don't stop this fighting, we have to build larger rinks!".
Die Geschichte der WHA ist die Geschichte ebenso wagemutiger wie inkompetenter Geschäftsleute, die sich hoffnungslos übernahmen, beim Versuch, mit einer für sie exotischen und unbekannten Sportart Geld zu machen. Von Teambesitzern - insgesamt versuchten während des siebenjährigen Bestehens der Liga 26 Teams ihr Glück - soll überhaupt nur einer einen Gewinn erzielt haben, indem er sein Team nach nur wenigen Monaten wieder verkaufte. Die vielen Geschichten, die die WHA schrieb, sind zu zahlreich, um in einem Post untergebracht zu werden, daher will ich versuchen, in den nächsten Wochen einige von ihnen weiter zu erzählen. Interessierten kann ich nur empfehlen, das Buch "The rebell league - the short and unruly life of the WHA" zu lesen, Lacher sind garantiert. 

Dienstag, 11. September 2012

Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich - Wien, nur du allein

Heute geht es wieder mal darum, daß die kleine Skifahrernation Österreich davon träumen darf, der großen Fußballnation Deutschland ein Bein zu stellen. Man erinnert sich an frühere Sensationen, blendet aus, daß es zuletzt in der EM-Quali 0:2 und 2:6 hieß. Die Nachfolger von Koncilia, Sara, Pezzey, Prohaska, Hickersberger, Jara, Krankl und Schachner gehen mit einer Auswahl aus durchschnittlichen Bundesligaspielern ins Rennen. Deutschland, starr vor Respekt, geht von der Marschroute und Taktik des letzten Spieles weg, stellt das Mittelfeld defensiver und nimmt den technisch und spielerisch herausragenden Götze zugunsten von Bender (der erwarteten Formation zu Folge) heraus. Erinnert an das EM-Halbfinale, als ohne jede Notwendigkeit Schürrle und Reus aus der Startelf genommen worden waren? Oder es ist, das Spiel ist ja noch nicht gespielt, ein genialer Bluff von Löw (der ja bei Eintracht Frankfurt noch mit Österreich-Legende Pezzey zusammenspielte). Tatsächlich bleibt es bei einem defensiven Mittelfeldspieler und der Offensive aus dem Farroer-Spiel. Pflichtsieg im möchtegern-Hexenkessel von Wien, wo die dem Spielfeld nächstgelegenen Plätze gefühlt weiter weg sind als in Dortmund die entferntesten.

Das wäre früher nicht so leicht gewesen, denn ...


Was viele nicht wissen mögen und was sich selbst auf den zweiten und dritten Blick nicht erschließt: Wien war einst eine Hochburg des Fußballs. Bereits 1924 wurde eine Profiliga eingeführt, die nur aus Hauptstadtklubs bestand, der Fußball aus den Bundesländern wurde als Amateurfußball geführt. Als es noch keinen der heutigen Europapokalwettbewerbe gab, existierte der Mitropa-Cup, der höchstrangige Vereinswettbewerb, an dem außer den Wiener Clubs u.a. die Spitzenteams aus Italien und Ungarn teilnahmen. Hier spielten die Wiener Vereine meist gute Rollen, die Partien lockten stets mehrere Zehntausend ins Praterstadion. Die überall im Stadtgebiet verteilten Vereinsstadien waren für diese Spiele zu klein. Neben dem Vereinsfußball machte - bevor Deutschland erstmals mit der Breslau-Elf ein Team von Rang besaß - auch die Nationalmannschaft, wegen ihrer Spielweise und Ergebnisse als Wunderteam bezeichnet, Furore. Zeitgenössische Beschreibungen lassen das "Scheiberlspiel" des Wunderteams, eine technisch feine, verspielte Art Fußball zu zelebrieren, wie den heutigen Stil der Spanier vor dem geistigen Auge erscheinen. Allen voran der Austrianer Matthias Sindelar, wegen seiner Statur "der Papierene" genannt, war ein Idol der Wiener Buben, nach seinem mythenumrankten Tod säumten Tausende den Trauerzug. Bei der WM 1934 scheiterte man im Halbfinale am späteren Weltmeister Italien, nicht zuletzt dank merkwürdiger Schiedsrichterentscheidungen, die damals den Gastgebern den Weg ebneten.
 Die 20er und 30er Jahre des Wiener Fußballs waren auch beim Publikum ein Riesenerfolg, auch weil - hier den Deutschen um Jahrzehnte voraus - sich alle Bildungsschichten vom runden Leder angezogen fühlten. Die intellektuelle Elite der Kulturmetropole ebenso wie die Arbeiterschaft, Fußball war gesellschaftsfähig. In Deutschland dagegen war der Fußball bis weit in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts (Spieler und Publikum betreffend) eine Domäne der Proleten, ehe sich zunehmend auch Intellektuelle und der Kulturbetrieb zu unser aller Lieblingssport bekannten. In Wien gab es also schon viel früher Spiel- und auch Fankultur, letztere allerdings in anderem Sinne als heute verstanden, als bei uns.
Heute muß man sich schon sehr aktiv auf Spurensuche begeben, um Belege für den ehemals hohen Stellenwert des Sportes zu finden. Im Hier und Jetzt scheint der Fußball den Wienern herzlich egal zu sein. Anders als in deutschen Städten, findet er hier im öffentlichen Bild kaum statt. Autoaufkleber, Minitrikots in Autofenstern, Passanten in Fankleidung, Spielplakate im Straßenbild, Fanartikel in Geschäften? Alles Fehlanzeige! Am Spieltag trifft man keine pilgernden Fans in der Innenstadt. Die Zuschauerzahlen sind wie auch die Leistungen eher dritt- denn zweitklassig.
Sucht man den Wiener Fußball, so findet man vieles, das nicht mehr da ist. Ehemalige Meisterclubs existieren nicht mehr, wie Admira und Wacker, deren Fusion und Fortbestand als Admira-Wacker eine von den Fans nicht akzeptierte Mogelpackung darstellte, da dieser Anfang der 70er entstandene Club fortan nicht mehr im Wiener Stadtgebiet zu Hause war. Ein weiterer mehrfacher ehemaliger Meister, Hakoah Wien, war ein rein jüdischer Club, der von den Nazis ausgelöscht wurde. Die Altmeister Vienna und Sportclub sind in der Versenkung der zweiten bzw. dritten Liga verschwunden, geben seit Jahren nur noch kurze Stipvisiten in der ersten Liga ab. Eine traurige Entwicklung, zumal die Blütezeit des Wiener Fußballs auch durch die Machtergreifung der Nazis nicht vollständig gebrochen wurde, wenngleich das Wunderteam ausgedient hatte, der vielleicht beste europäische Mittelstürmer der Zeit, Matthias Sindelar, Karriere und bald danach auch Leben hinter sich hatte.
Nach dem Krieg ging es auch gut weiter, Zuschauerandrang und Leistungen weiterhin auf hohem internationalen Niveau, wie nicht zuletzt das starke Abschneiden bei der WM 1954 auswies, als die Nationalelf im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister aus Deutschland nur sehr unglücklich scheiterte. Das Team um die Stars Oczwirk, Happel, Hannapi mußte sich u.a. durch zwei Elfmeter geschlagen geben und hatte das Handicap zu tragen, daß der sonst starke Torhüter Zeman, durch einen Sonnenstich geschwächt, völlig verwirrt in seinem Revier umhertorkelte.
In den sechziger Jahren begann der Niedergang der alten Herrlichkeit, es wurde auch erstmals mit dem Linzer ASK ein nicht-Wiener Club Meister. Nach und nach verschwanden Vereine von der Bildfläche (neben Admira und Wacker auch noch der FC Wien, zwar nie Meister aber auch Jahrzehnte eine feste Größe), geblieben sind lediglich Rapid und Austria, die jedoch allzu oft der Musik in der Liga hinterherlaufen. Auch das vorübergehende Zwischenhoch - bis jetzt das letzte - Ende der 70er Jahre mit der WM '78, Europapokal-Final- und Halbfinalteilnahmen der Austria konnte daran nichts ändern. Heute trägt die Austria das Derby gegen Rapid nicht mal mehr im Prater aus, sondern im eigenen, nur 11.000 Zuschauer fassenden Horr-Stadion, so weit ist es gekommen.

Die Hohe Warte fasste einst 90.000 Besucher, in den 20er und 30er Jahren war die Naturarena quasi das Nationalstadion.

Ein Wiener Intellektueller, der mit Fußball nichts am Hut hatte.

Darum beneidet Wien die ganze Welt: das Schnitzel von Figlmüller, hier bereits zur Hälfte geschafft.

Dienstag, 4. September 2012

Ist es denn die possibility? und kleiner Exkurs über Torhüterprobleme

Zwei Spieltage sind gespielt und die Eintracht steht jetzt schon da, wo sie eigentlich erst am Saisonende stehen sollte. Schlechtes Timing, zumal, da als nächstes der HSV kommt, mit seinem Messias, dem internationalem Tempo nicht mehr gewachsenen und daher in der Elftal ausgemusterten Van der Vaart. Eine Aufgabe, ähnlich der ersten Begegnung mit einem Gegner nach einem Trainerwechsel. Ich hoffe, die Eintracht läßt sich nicht von einer Mannschaft aufhalten, deren Hoffnungen vor allem auf Spielern beruhen, die von nur mittelmässigen Teams aussortiert wurden. Immerhin kommt der HSV mit einem Torhüter in bestechender Form, der durchaus die Vormachtstellung Neuers gefährden könnte. Prognosen gebe ich seit der EURO, wo ich des öfteren trotz exzellenter Einschätzungen danebenlag, ungern ab. Insgesamt erwarte ich aber eine gute Saison der Eintracht, d.h. die bisherigen Leistungen werden bestätigt und es wird irgendetwas zwischen Rang 12 und 6.

Zurück zur Torhüterfrage: Vor der WM 2010 war Adler die klare Nummer 1, hatte in der Quali gegen Rußland zweimal überragend gehalten und verlor seinen Status nur verletzungsbedingt. Nach zwei Spieltagen ist es natürlich noch zu früh, eine Wachablösung zu fordern oder zu propagieren. Aber bei der EURO war nicht alles Gold, was bei Neuer glänzte, wenngleich er keine gravierenden Fehler machte.
In der Nationalelf war schon öfter in der Vergangenheit der als Nummer 1 gesetzte Torhüter nicht der beste in der Liga. Das beginnt spätestens mit Sepp Maier, der 1970 bestimmt nicht stärker als Manglitz war, welcher sich widerum durch seine unbequeme Art selbst im Weg stand, ähnlich wie später Uli Stein. Die Halbfinalniederlage gegen Italien 1970 ging aus meiner Sicht nicht nur auf die Kappe des Schiedsrichters, die Leistung von Maier steht für mich auf einer Stufe mit Schumacher 1986 und Kahn 2002. Wobei die beiden letztgenannten Niederlagen wenigstens verdient waren. 1978 war Maier auch nicht mehr der beste deutsche Torwart, aber der (vielleicht sogar über die gesamten 70er Jahre betrachtet) stärkere Bernd Franke fiel verletzt aus, Rudi Kargus fehlte ebenso die ganz große Internationale Erfahrung wie Norbert Nigbur, die beide ebenfalls in der Liga stärker hielten als Maier. In der Ära Schumacher gab es zwar mit Stein einen starken, fast ebenbürtigen Konkurrenten, aber da der Kölner selbst lange Zeit Weltklasseformat verkörperte, kam Stein zurecht nicht an ihm vorbei. Nach der Übergangsphase mit Eike Immel begann die Ära Ilgner, von dem ich mich frage, ob er überhaupt jemals der beste deutsche Keeper war. Köpke war der leidtragende, durch das Festhalten von Vogts an Ilgner begann seine Ära um mindestens zwei Jahre zu spät. Dafür durfte er auch zwei Jahre länger als sportlich gerechtfertigt die Nummer 1 bleiben, ehe endlich Kahn zum Stammtorhüter wurde. Ihm saß ebenfalls ein fast gleichwertiger Konkurrent im Nacken, der schließlich auch etwas überraschend 2006 den Vorzug bekam. Das war in meiner Erinnerung das erste Mal, daß eine Nummer 1 quasi durch Trainerentscheid abgesetzt wurde. Und a propos Kahn: nach der WM 2002, während der er überirdische Leistungen gezeigt hatte, nur um im Finale durch einen Patzer die deutsche Niederlage einzuläuten, fiel er in ein Tief und der damalige Stuttgarter Hildebrand zeigte Klasseleistungen in Serie, war in jener Saison der beste deutsche Tormann. Ohne daß sich dieses in der Nationalmannschaft niedergeschlagen hätte. Aktuell also Neuer, der meiner Meinung nach etwas zu beweisen hat und dessen sportlich größter Rivale noch nicht mal im Kader der Nationalmannschaft steht. Der zweitbeste Torhüter der letzten Saison verspricht indessen, in der Nationalmannschaft der neue Kwiatkowski zu werden, der dritte, Zieler, ist deutlich schwächer einzuschätzen als Weidenfeller, der noch nie das Nationaltrikot getragen hat, obwohl er seit Jahren konstant stark hält. Alles schon mal dagewesen, von Schön bis Löw hatten alle Bundestrainer ähnliche Situationen, die sie nicht immer zum Besten der Mannschaft lösten. Meist aber, das muß auch erwähnt werden, blieb es ohne Folgen für unsere Mannschaft.
Wesentlich leichter taten sich die Eintrachttrainer der letzten 10 - 15 Jahre, die immer wieder neue Männer als vermeintliche Nummer 1 holten, die sich dann wiederholt nicht gegen Nikolov durchsetzen konnten. Im Fall von Markus Pröll tragischerweise, da dieser das Zeug zum Klassemann hatte, sogar einmal nach einer Hinserie vom Kicker auf Platz 1 der Rangliste (der 1. Liga!) gesetzt wurde. Der sympathische Mazedonier aus Darmstadt ist nun alles andere als ein Platzhirsch, der Konkurrenz wegbeißt oder niederstarrt, wie es Kahn oder Lehmann z.B. waren, er hat seine Rivalen womöglich durch seine stoische Ruhe hypnotisiert oder, ganz im Gegenteil nervös gemacht. Nun hat die SGE erneut einen sehr talentierten Torhüter, der erstmals seit langem eine Torhüter-Ära gestalten könnte. Ich weigere mich die letzten Jahre als "Ära" Nikolov zu bezeichnen, obwohl er in den letzten 15 Jahren die meisten Spiele gemacht hat, da er nur selten zu Saisonbeginn als Nummer 1 gesetzt war.
Bisher gab es die Ära Loy, die Ära Kunter und die Ära Stein bei der Eintracht, sie waren die nachhaltigsten, am längsten die Nummer 1 besetzenden Torhüter in Frankfurt. Die anderen, von Tilkowski über Wienhold, Koitka, Pahl, Gundelach, Köpke, Heinen und Pröll, regierten zu kurz, ungeachtete ihrer teilweise vorhandenen sportlichen Klasse.

Donnerstag, 30. August 2012

Saisonstart und Rückmeldung

Sommerpause vorbei, ich bin wieder hier, war auch nie richtig weg - bäh, hab' wohl zuviel Deutschrock gehört.
Von der Euro erholt, sehe ich der Bundesligasaison gespannt entgegen, gut präpariert, nachdem ich die Vorbereitung mit Kicker-Sonderheft und 11 Freunde "Grand Heft Liga" absolviert habe. Das Kicker-Sonderheft habe ich nun seit Ende der 70er immer gekauft, seit 80/81 habe ich noch alle Hefte (außer 83/84, da war ich gerade erstmals zu der Erkenntnis gekommen, daß Fußballfan sein uncool ist), ich werde es wohl weiterhin jedes Jahr kaufen. Obwohl es inzwischen wie eine Fernsehzeitung ist, man muß für einen Verein hin- und herblättern, wie ein Tag in der TV-Zeitung acht Seiten hat. Lästig.
11 Freunde wie immer: gut gemeint und überwiegend auch sehr gut gemacht. Vor allem optisch originell und sehr ansprechend. Im in Reclam-look daherkommenden Büchlein wie immer ein Interview mit einem mehr oder minder maßgeblichen Fan-Vertreter. Im Falle der Eintracht wieder einmal Jörg Heinisch, verdienter Autor einiger Eintracht-Bücher. Als "Fan geht vor"-Macher aber auch Peter-Fischer-Podium-Bieter. Jener Peter Fischer, dem man glatt abnehmen würde, daß er nicht nur im Alleingang die Adlerfront ausradiert hat, zu Fuß im Eintracht-Trikot die Bieberer Straße hochgelaufen ist, nachdem er vorher 1963 im DFB-Spielausschuß für die Nicht-Aufnahme des OFC in der Bundesliga gesorgt hatte und natürlich auch gegen die Glasgow Rangers im Stadion war, jenem Spiel, das 200.000 behaupten, besucht zu haben, obwohl nur 70.000 da waren (und dessentwegen Johnny Klinke und Konsorten Eintrachtfans geworden sind). Nicht zu vergessen, daß er Richard Kress geholfen hat, den Endspielball von 1960 ausser Landes zu schmuggeln. Zutrauen würde ich es dem ehemaligen Korbjäger.
Nun, Herr Heinisch und 11 Freunde in Ehren, aber ich bin der einzig geeignete, um die Fragen des Büchleins "Meine Saison 2012/13" zu beantworten.

Diese Saison wird legendär, weil ... die Eintracht ihre Saisonziele frühzeitig erreicht und auch in der ersten Liga mehr Spiele gewinnt als verliert.

An die alte Saison werden wir uns noch lange erinnern, weil ... die Eintracht mehr Spiele gewonnen als verloren und das Saisonziel erreicht hat. Und ich mein erstes Auswärtsspiel besucht habe, im Waldstadion!

Drei Wünsche frei für die nächste Saison? Hier sind sie: Nikolov ist die Nummer 2, Alex Meier spielt konstant, Platz 6.

Mein Lieblingsspieler im aktuellen Team: Alex Meier.

Huaaah! Mein größter Alptraum: Die Fischers und Hellmanns gewinnen die Oberhand, Trainerentlassung, bestimmte Fangruppierungen agieren weiter ihre Omnipotenzphantasien aus.

Mein Held vergangener Jahre: Grabi, Holz Nickel.

Lustigster Fangesang der letzten Saison: "Hier regiert der FSV" und "Wo ist Helmut Schön, wo ist helmut Schön, ja den ham wir lange nicht gesehen, den Schön, den Schön" (zur Melodie von "Oh wie ist das schön") beides von FSV-Fans in der Straßenbahn beim ersten Derby gesungen.

Auf dieses Auswärtsspiel freue ich mich besonders: Get a life!

Unser aktuelles Trikot ist ... Gut.

Wenn Kathrin Müller-Hohenstein und Olli Kahn im nächsten Jahr auch die CL moderieren ... Lasse ich mir wie bisher die meisten Spieltage dieser Gelddruckveranstaltung, an der die Eintracht nicht teilnimmt, entgehen.

Nie wieder! Was müßte passieren, damit du nicht mehr ins Stadion gehst? Wenn ich für ein Ticket > € 30 bezahlen müßte, es eine bescheuerte Chipkarte für Essen und Trinken gäbe, Schlange und Türsteher vorm Fanshop, Raketen in die Tribüne geschossen würden, mich ein Besuch 5 Stunden meiner kostbaren Zeit und (mit Sohn) mindestens 100 € kosten würde. Ach so, das haben wir ja alles schon. Ich geh schon kaum noch hin.

Im Stadion brauche ich nur Wurst, Bier und ... weder, noch. Ein gutes Spiel oder wenigstens einen Sieg.

Wonti, ich komme! Hier ist meine beinharte These für den nächsten Doppelpass: Ein "Doppelpass", in dem es nicht  zu 50% um den FCB geht muß erst noch gemacht werden.

Meinem Club fehlt ... eine Zeitmaschine, um ins Jahr 1995 zurückzureisen und zu verhindern, daß eine seelen- und charakterlose Mannschaft völlig gleichgültig absteigt. Damit wurde nicht nur der Nimbus der ewigen Erstklassigkeit zerstört, sondern ein Schaden angerichtet, von dem sich die SGE nie erholt hat.

Wer verpflichtet in der Winterpause Otto Rehagel? ... nur der OFC! Zurück zu den Wurzeln.

Und wer Rolf Schafstall? Der Club, dem Krautzun und Maslo absagen.

Wer klagt sich nach dem Relegationsspiel durch alle Instanzen? Auf jeden Fall der Erfolgsanwalt Schickhardt.

Die erste Liga verlässt nach unten? Düsseldorf, Augsburg, Fürth.




Bin nicht der eifrigste Schreiber, aber große Ereignisse erfordern große Maßnahmen. In meinem Fall der erste Kommentar, den ich zu meinem Blog bekommen habe. Ein sehr netter, deshalb nehme ich das Bloggen hiermit wieder auf.
Danke, Silvio I. aus Bielefeld, für die Zuschrift. Zu Deiner Frage bezüglich der Stadien: Die nicht mit Unterschrift versehenen Karten sind
 8) The Goldstone Ground - Brighton & Hove Albion,
11) Filbert Street - Leicester,
12) Highfield Road - Coventry,
13) Stadium of light - Sunderland,
14) Molineaux - Wolverhampton. Zu diesen hatte ich nicht Zeit noch Muße, eine Bildunterschrift zu verfassen. Respekt für das Erraten von Leicester.

Frankfurter sind gut, wenn sie die Eintracht verlassen geht die Karriere leider oft den Bach runter. Nochmals herzlichen Dank an VW für die letztjährige Sanierung unserer Finanzen und alles Gute Patrick Ochs und Marco Russ in der Oberliga Niedersachsen oder wo immer auch die Zweite spielt.

Montag, 2. Juli 2012

Stadionalbum Teil 20: Europameisterschaftsfinalorte

Leider fehlt das Heysel-Stadion von Brüssel, wo Deutschland 1972 den ersten von drei EM-Titeln holte. Ich arbeite daran, diesem Mißstand abzuhelfen. Die einzigen Karten von Heysel, die ich auf dem Markt gefunden habe, zeigen die Haupttribüne von hinten, ich ziehe eine Ansicht von vorne vor.

Paris, Prinzenpark, 1960 und 1984. Die Abbildung zeigt den Bauzustand nach dem umfassenden Umbau 1972. Zuvor hatte das Stadion noch eine Radrennbahn enthalten, auch zum Zeitpunkt des Finals 1960.
Madrid, Bernabeu, 1964. Vor diversen Umbauten, u.a. zur WM 1982, sah das Stadion von Real so aus und erlebte den ersten Titelgewinn der Spanier.
Rom, Olympico, 1968 und 1980. Hier fanden zwar nur zwei Endrundenturniere statt, aber drei Finals. 1968 wurde das nach 120 Minuten Unentschieden stehende Finale zwischen den Gastgebern und Yugoslawien durch ein Wiederholungsspiel (zu dem Italien mit auf fünf Positionen veränderter Mannschaft antrat!) entschieden. 1980 siegte Deutschland hier, bei der dritten Finalteilnahme hintereinander.
Belgrad, Roter Stern Stadion, auch "Maracana" genannt, 1976. Hier jagte Hoeneß den Ball in den Nachthimmel, wodurch die Tschechoslowakei den Titel holte.
München, Olympiastadion, 1988. Hier fiel das Jahrhunderttor durch den großen Marco Van Basten, die Holländer gewannen ihren einzigen Titel, gegen die UdSSR. Auf der Trainerbank saß, wie schon 14 Jahre zuvor, beim vergeblichen Anrennen gegen Beckenbauer, Maier und Co. an gleicher Stelle, Rinus Michels, der somit eine späte Genugtuung erfuhr.
Göteborg, Ullevi, 1992. Finale mal wieder mit deutscher Beteiligung aber ohne Happy-End. Wie schon 1958, als Schweden kein gutes Pflaster war, Deutschland von den fanatischen schwedischen Fans verunsichert, im Halbfinale der WM gescheitert war.
London, Wembley, 1996. Waren das noch Zeiten, als Waldemar Hartmann noch journalistisch tätig war, täglich aus dem deutschen Quartier "Motram Hall" berichtete und eine auf dem Zahnfleisch kriechende deutsche Mannschaft um Kapitän Klinsmann und Anführer Sammer Berti Vogts seinen einzigen Titel als Nationaltrainer bescherte. Zum dritten Mal wurde die EM durch Deutschland gewonnen, jedesmal hatte unser Team einen zweifachen Torschützen, anders können wir wohl nicht Europameister werden.
Rotterdam, de Kuip, 2000. Erstmals wurde die EM in zwei Ländern ausgetragen, hier in diesem Hexenkessel holte Frankreich seinen zweiten EM-Titel zwei Jahre nach dem WM-Triumpf.
Lissabon, Stadio de Luz, 2004. So wie hier abgebildet sah das Stadion nicht mehr aus, als die Griechen sich ihren Sensationstitel holten. Ihr Spielstil war häßlich, was von den Stadionneubauten des letzten Jahrzehntes zu halten ist, scheint dagegen nicht so eindeutig zu beantworten zu sein. Komfort und Annehmlichkeiten sprechen sicher für die neuen Stadien, die meist anzutreffende Komplettüberdachung dagegen macht Stadien heute oft verwechsel- und austauschbar, für Luftbilder praktisch untauglich. Zum Glück mußten durch den Umbau nicht mehr knapp 100.000 sondern nur noch etwas mehr als die Hälfte mitansehen, wie sich Figo, Deco, Rui Costa und Christiano Ronaldo vergebens in der 22-beinigen Hintermannschaft der Griechen aufrieben und vergebens anrannten.
Wien, Ernst-Happel-Stadion, 2008. Erneut ein Turnier in zwei Ländern, das scheint Schule zu machen, wohl auch, da neben England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich kein weiteres europäisches Land über eine Infrastruktur verfügt, um das Turnier alleine auszutragen. In diesem Stadion taten sich die Deutschen schwer, gegen Spanien auch nur einen Angriff auszuspielen, so daß die Iberer ihren zweiten EM-Titel holten, der beste deutsche Spieler stand im Tor, obwohl er beim einzigen Treffer, der durch Fehler von Lahm entstand, auch nicht gut aussah.
Kiew, Nationalstadion oder auch Olympiastadion genannt, 2012. Auch diese Arena sieht heute längst nicht mehr so aus, ist hier aber wenigstens noch zu erkennen. Die Laufbahn überstand den Umbau, die Kapazität wurde um fast 20.000 reduziert und ein Dach, das von oben nichts von den Rängen erkennen läßt, sind, wie vielerorts, aktueller Stand der Dinge. Spanien holte sich hier EM-Titel Nummer drei.

Sonntag, 1. Juli 2012

Letzter Versuch eines EURO-Tagebuchs 13:

Für mich und meine durchschnittlich vier Leser hier noch einmal mein Senf zur Europameisterschaft:
Spanien ist hochverdient Meister geworden. Wer nach vorher durchwachsenen aber siegreichen Spielen gerade im Endspiel so eine starke Leistung zeigt und sein Spiel durchzieht, der ist dann doch über jeden Zweifel erhaben. Geschenkt, daß die letzten zwei Tore in Überzahl fielen. Andererseits wurde den Spaniern ein klarer Handelfmeter früh in der zweiten Halbzeit verweigert, der bei numerischer Gleichheit womöglich schon nach 50 Minuten den moralischen Zusammenbruch der Italiener gebracht hätte.
Die Spanier zeigten mit einer Topleistung im wichtigsten Spiel nochmal schmerzlich auf, was der deutschen Mannschaft fehlt: Die Siegermentalität. Ein Gegentreffer in sechs Spielen gegenüber sechs Gegentoren in fünf Partien der Deutschen spricht ebenfalls Bände.
Das Fazit für das DFB-Team könnte also in Anlehnung an den US-Amerikanischen Sport lauten: "wait 'till next year". Sollte es aber nicht. Nur warten, weil unsere tolle Mannschaft durch zwei weitere Jahre die Reife für einen Turniersieg schon bekommen wird, wäre nicht ausreichend. Es muß vielmehr genau untersucht werden, wie eine Entwicklung, nicht zuletzt mental, gefördert werden kann, unter Umständen auch mit einer kritischen Hinterfragung, welche Spielertypen die Mannschaft braucht. Neben der Forderung an den Bundestrainer, nach Leistung aufzustellen, fehlt meines Erachtens vor allem ein Stürmer, der in der Lage ist, in jeder Geschwindigkeit Anspiele anzunehmen und zu verarbeiten, der beweglich und technisch versiert genug ist. Und Özil sollte die kommenden zwei Jahre mit intensivem Schußtraining zubringen.
Um die Mannschaft aktiv weiterzuentwickeln braucht Löw vor allem Mut. Den Mut, auf Spieler zu verzichten, egal, um wen es sich handelt, die der Mannschaft so offensichtlich nicht weiterhelfen (Schweinsteiger, Podolski, Gomez) und den Mut, gegen jeden das eigene Spiel beizubehalten.
Das Endspiel hat noch einmal gezeigt, wie unnötig die deutsche Niederlage im Halbfinale war, da die Italiener nicht so stark waren. Im Grunde standen sie vor allem im Finale, weil die Deutschen mit der falschen Einstellung ins Spiel gegangen waren und sich in entscheidenden Situationen vorne wie hinten naiv verhielten.
Natürlich wäre die deutsche Mannschaft gegen Spanien im Finale auch (wieder) chancenlos gewesen, aber das wäre wenigstens eine Wahrung des Status Quo gewesen, das Scheitern im Halbfinale gegen diese Italiener war ein Rückschritt.
Und wenn Deutschland schon mit einem oder zwei Vereinsblöcken antritt, dann bitte in Zukunft nur, wenn diese Spieler ihre Vereinsmentalität ("mir san mir") zu Hause lassen. Viel zu selten haben die Spieler des FCB ihrer Haltung, dem selbst postulierten angeblichen Sieger-Gen, in letzter Zeit Taten folgen lassen. Auch im CL-Finale, wo der alte Trainer nach der späten Führung sogleich, wie man es aus der grauen Vorzeit des Fußballs kennt, einen baumlangen Vorstopper einwechselt, damit der die Führung verteidigen hilft. Was passiert? Der nächste Eckball für Chelsea, deren einziger Torgefährlicher Spieler köpft den Ausgleich, vom eingewechselten Vorstopper weit und breit nichts zu sehen. Die Bayernspieler können ja gerne im Verein damit zufrieden sein, die Besten zu sein, gewinnen tun dann halt die anderen, aber für unser Nationalteam reicht das nicht.